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Folge 8: Wie sieht das Interaction Design der Zukunft aus, Prof. Julia Schnitzer?

In der achten Folge des Podcasts Designerklärer unterhält sich Christoph Luchs mit Prof. Julia Schnitzer über die Zukunft der Mensch-Maschine-Interaktion. Werden wir Computer mit Neurochips steuern? Wie müssen Nutzerschnittstellen gestaltet werden, damit die Interaktion angenommen wird und gelingt?

Prof. Julia Schitzer ist Professorin für Digitale Medien (Berufungsgebiet Interaktionsdesign) im Fachbereich Informatik und Medien der Technischen Hochschule in Brandenburg/Havel. Ebenso ist sie zentrale Gleichstellungsbeauftragte und Prodekanin Digitale Medien M.A.

Sie leitet Seminare in den Studiengängen Digitale Medien M.A., Informatik M.A. und B.A. und Medieninformatik B.A. Ihre Arbeit konzentriert sich auf die Gestaltung an der Schnittstelle Internet- Mixed Reality-, Brain Computer Interface-, Machine Learning- & AI-Anwendungen. Frontend-Development und Processing, Human Centered Design. Forschungsprojekte im Bereich Brain Computer Interface und Mixed Reality loten die Chancen der Zukunft aus.

Prof. Julia Schnitzer ist Mitglied des „Flying Faculty Program“, Gastprofessorin an der Deutsch-Jordanischen Universität in Amman.
Nebenberuflich arbeitet sie mit im University Travel Club sowie dem Online-Shop berlindesign.store für kleine Produktserien von Kreativen aus Berlin.

Sie hat das Studium Kommunikationsdesign an der HbK Braunschweig mit Erasmus-Stipendium für Graphic-Design am Camberwell College of Arts in London abgeschlossen. Ihr Projekt berlindesign.net wurde 2009 als „Ort der Ideen“ von Bundespräsidenten Johannes Rau ausgezeichnet. In den Jahren 2006-2010 war sie Mitglied im Lenkungskreis Kreativwirtschaft der Senatsverwaltung Berlin. Seit 2018 ist sie externe Gutachterin beim DAAD und Jurymitglied im Annual Multimedia Award.

 

Christoph Luchs: Herzlich willkommen zum Designerklärer, dem Podcast für hellwache Kreative.

Heute zu Gast: Professorin Julia Schnitzer. Wir sprechen heute über das Interaction Design der Zukunft. Mein Name ist Christoph Luchs.

Ja, herzlich willkommen! Julia Schnitzer, Professorin Julia Schnitzer heute zu Gast bei uns im Podcast Designerklärer: Herzlich willkommen!

 

Julia Schnitzer: Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich, hier zu sein. Ja, mein Name ist, wie schon gesagt, Julia Schnitzer. Ich bin aktuell Professorin für digitale Medien, insbesondere Interaktionsdesign ist mein Berufungsgebiet. Das ist aber oft nicht genau das, was man lehrt, das heißt, ich lehre vor allem eigentlich im Bereich der App- und Web-Technologien und auch der, ich sag mal gerne, Expanded Realities, Spatial Design, so ein paar Stichworte.

Ich habe aber ursprünglich Kommunikationsdesign studiert, heißt, ich habe die Fronten gewechselt. Ich bin weg. Nein, das stimmt gar nicht. Ich bin gar nicht weg vom Design. Ich betrachte Design nur von der Coding Schnittstelle viel mehr aus und bin einfach der Meinung, dass man ganz wunderbar gestalten kann, wenn man nur mit Code zu tun hat.

 

Christoph Luchs: Darauf werden wir später auf jeden Fall noch eingehen und auch den Weg dahin. Da du ja anfangs auch als Kommunikationsdesignerin gearbeitet hast, und da auch einige Projekte gemacht hast, da werden wir sicherlich noch mal darauf eingehen.

Aber vielleicht auch ein Punkt, der hier in diesem neuen Jahr 2023 interessant sein wird: Rückblick auf die Pandemiezeit. Du hast deine Professur im Jahre 2020 begonnen und da war die Pandemie gerade mitten im Gange. Wie hast du das erlebt?

 

Julia Schnitzer: Sie fing gerade an, also tatsächlich mein erster Arbeitstag war derselbe Tag, wie der offizielle Lockdown, und das war auch mein Geburtstag. [lacht] Also erst mal, die Party ist ins Wasser gefallen. Ich bin an die Hochschule gefahren und man hat mir gesagt: „Was machst du überhaupt hier?“ Und ich habe gesagt: „Ich brauche zumindest meine Schlüssel und mein Passwort.“

Und ich habe komplett im Homeoffice angefangen. Und das Schöne ist natürlich, wenn man in der Informatik ist, das habe ich festgestellt, wir haben innerhalb von zehn Tagen einen eigenen Server hochgezogen, ein eigenes System und haben dann mit Big Blue Button die Lehre online ganz normal starten lassen und haben dann mit Erstaunen rund um uns geblickt, wo teilweise die Vorlesungszeit ein Semester gar nicht begonnen haben, weil in den Geisteswissenschaften wusste man nicht, was zu tun ist. Da werden mich jetzt alle Geisteswissenschaftler dafür nicht mögen.

Aber das ist das Schöne, wenn man in der Informatik ist. Wir haben halt einfach das Semester auf Online verlegt und haben es ganz normal durchgezogen. Aber es war natürlich schwierig. Die Studierenden habe ich erst teilweise zwei Jahre später persönlich kennengelernt. Das heißt, vor mir stand dann jemand und sagt: „Hallo, ich bin übrigens XY.“ Und ich so: „Oh, wie schön, Sie endlich mal in echt zu sehen.“ Und man überlegt sich dann so: „Oh, habe ich mir anders vorgestellt,“ oder „Hätte ich auch so erkannt.“ Aber wir haben uns alle, und auch vor allem die Studierenden untereinander, die haben sich nicht kennenlernen können.

Und was meine Studienzeit vor allem ausgemacht hat, war das Socializing. Also das Studieren war eine Sache, aber viel toller war doch eigentlich das ganze Drumherum, das in der Mensa Sitzen, das draußen Ballspielen und die Partys.

 

Christoph Luchs: Genau, das ganze studentische Leben drumrum, wofür man ja studiert, wofür wir auch studiert haben, das ist ja tatsächlich etwas, was in der Zeit sehr verlorengegangen ist. Ich habe selber mit freien Mitarbeitenden zusammen zu tun und die haben auch studiert und oder sind noch dabei und berichten, dass sie eigentlich erst nach vier Semestern ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen zum ersten Mal gesehen haben außerhalb einer Zoom-Konferenz oder außerhalb einer Teams- oder sonst was für Konferenzen, und da erst tatsächlich etwas so was wie sozialer Kontakt aufkam und der doch sehr gebremst ist dadurch, dass man eigentlich als Gruppe überhaupt gar nicht erst zusammengekommen ist. Wie war das bei euch? Hast du das ähnlich erlebt und so gesehen?

 

Julia Schnitzer: Ja, habe ich ähnlich gesehen. Ich habe auch festgestellt, dass viele Studierenden mit der Situation nicht zurechtgekommen sind. Also bei uns eben die Anfragen. Wir haben so eine Hotline in Potsdam, wo man anrufen kann, wenn es einem nicht gut geht. Seelsorge ist der falsche Name, aber es ist jetzt auch kein professioneller psychologischer Dienst da, die war ständig besetzt und bei uns sind dann ganz viele beim Student Service Center sind ganz viele Anfragen aufgelaufen von Studierenden, denen einfach die Decke auf den Kopf gefallen ist in ihren kleinen Wohnheimen. Die wohnen die auf zwölf Quadratmeter und vor allem vor Weihnachten, also vor genau zwei Jahren, war es besonders schlimm, weil viele der Studierenden, oder sagen wir mal, wir haben auch 23 % internationale Studierende und die konnten, weil die Flüge ausgefallen sind, Weihnachten nicht nach Hause fahren. Das heißt, die hockten da teilweise in Brandenburg in diesen Studentenwohnheimen auf 23 Quadratmetern und waren alleine. Und das war nicht lustig. Das war das eine. Es gab aber auch was anderes, was ich ganz interessant fand: Viele Konferenzen haben dann online stattgefunden und ich war auf einer kompletten VR-Konferenz, also quasi im dreidimensionalen Raum, war auf Basis von Mozilla-Hub, und das Interessante war, dass wir uns alle erst mal so ein Avatar anziehen mussten. Und ich war zum ersten Mal auf dieser Konferenz. Und was ich toll fand, ist: Mein Geschlecht hat keine Rolle gespielt, mein Äußeres hat keine Rolle gespielt. Ich habe da nur meinen Namen gehabt und ich bin da einfach herumspaziert und ich war viel weniger schüchtern und habe auch das Gefühl gehabt, ich wusste gar nicht, ist diese Person jetzt aus Australien ist, die aus Deutschland. Ist es ein Mann? Ist das eine Frau? Weil wir teilweise nur die Nachnamen drinstehen hatten, und wir hatten alle lustige Weihnachtskostüme an als Avatar. Das hat die ganze Sache etwas unglaublich, wie sagt man, Vorurteilsfreies und Niedrigschwelliges und auch Fröhliches gegeben. Und auf der anderen Seite ist der Kontakt viel leichter herzustellen, wenn man sich nicht physisch gegenübersteht.

 

Christoph Luchs: Ja, das ist ein interessantes Phänomen. Ich habe das auch ähnlich beobachtet. Bei Online-Diensten, allerdings auch wenn man jetzt mit Studierenden interagiert, ist das ja auch ein bisschen komisch, wenn man sich so stundenlang in die Augen guckt im Abstand von 20 Zentimetern. Wenn man das mal versucht in echt, das ist gruselig. Also nach wenigen Sekunden fühlt man sich sofort unwohl und will weg oder will zurücktreten oder woanders hingucken.

Und dann erwartet man von Studierenden, dass sie stundenlang in schwarze Kacheln gucken bzw. man selbst in schwarze Kacheln guckt. Das ist schon ganz schön hart, allerdings bei so einer Online-Konferenz, das könnte ich mir schon interessant vorstellen. Da kommen wir auch gleich noch mal hin auf solche Technologien wie zum Beispiel Virtual Reality Techniken, die du eben gerade genannt hast.

Jetzt bist du Professorin für digitale Medien. Und wer studiert eigentlich bei dir, da du ja an einer Technischen Hochschule unterrichtest?

 

Julia Schnitzer: Um bei uns studieren zu können, braucht man keine kreative Mappe. Das heißt, ich bin immer überrascht, hier studieren eigentlich drei Typen. Die einen sind die, die einfach feststellen: „Ich fühle mich nicht kreativ genug, oder ich bin vielleicht nicht künstlerisch begabt und ich bin nicht der Typ, der zeichnet oder der Typ, der irgendwie immer schon durch Kreativität in der Schule aufgefallen ist. Aber mich interessieren digitale Medien.“ Heißt, das sind oft Leute, die die technische Komponente spannend finden. Wie wird so ein Bild gemacht? Wie wird so eine Webseite gemacht? Wie funktioniert eigentlich Usability? Also die eher, die das Funktionieren hinterfragen als die Oberfläche. Und die landen bei uns, die bewerben sich dann einfach mit Zeugnis, Motivationsschreiben und für den Master brauchen sie ein paar Zulassungsvoraussetzungen, weil wir konsekutiv sind. Das sind die einen. Die anderen sind welche, die oft aus dem zweiten Bildungsweg kommen. Die finden, dass das Studium, das sie bis jetzt machen, nicht angewandt genug ist. Das heißt, die kommen aus dem BWL, z.B. aus der Wirtschaftsinformatik oder aus den Medienwissenschaften. Und die haben keine Lust, immer nur Texte zu schreiben oder Fallstudien oder Businesspläne zu entwerfen. Die sagen auch ganz viel, wenn man mit Informatik eher nicht, nicht im Fachbereich Informatik, sondern anderen Fachbereichen studiert, man relativ wenig mit tatsächlicher Realisation zu tun hat, die einfach sagen: „Wir wollen eigentlich nicht so theoretisch sein, wir wollen die Ärmel hochkrempeln und machen.“ Und die kommen auch zu uns. Die wollen das Ganze einfach praktisch anwenden. Und dann gibt es ganz viele, die Informatik studiert haben und aber feststellen, dass sie eigentlich ganz schön kreativ sind. Und die wechseln dann zu uns, weil sie keine Chance haben, eigentlich an einer Kunsthochschule zu einem Master genommen zu werden. Die sehen einfach, da hat jemand Informatik gemacht. Man muss auch sagen, auch an Kunsthochschulen gibt es ja so was wie so einen elitären Gedanken. Den gibt es auch unter Informatikern. Ich nenne das immer so der eigene Stallgeruch oder der eigene Elfenbeinturm.

Die sagen dann immer, man will gar nicht jemand Artfremden reinlassen. Und das unterstelle ich auch manchen Hochschulen. Dass sie es dann auch wirklich Quereinsteigern schwer machen, selbst wenn die richtig gute Voraussetzungen haben.

 

Christoph Luchs: Drei verschiedene Typen also von Studierenden, die an eure Technische Hochschule kommen. Wechseln wir mal die Perspektive: Du bist Designerin. Wie viele Designerinnen und Designer gibt es denn bei euch an der Technischen Hochschule?

 

Julia Schnitzer: Drei Professoren. Also wir sind im Fachbereich Informatik und Medien. Ich glaube im Moment, wir wachsen, es geht uns gut. Die digitalen Medien sind, wie sagt man, wir sind ja immer noch am Beginn des digitalen Zeitalters und das merkt man dem Fachbereich an. Also wir vergrößern uns im Moment, wir freuen uns auf neue Räumlichkeiten. Aber alles in allem sind bei uns von 25 Professorinnen und Professoren nur drei über die künstlerische Eignung berufen worden. Der Rest über den klassischen wissenschaftlichen Weg mit Promotion etc.

 

Christoph Luchs: Und führt das dann zu Animositäten oder habt ihr euch da gleich zurechtgefunden, also du dich im neuen Kollegium? War das einfach oder gibt es da auch Vorbehalte gegenüber „den Kreativen“ in Anführungsstrichen, die dann vielleicht, ja, durch sehr viel Praxiserfahrung zu einer ähnlichen Qualifikation kommen wie andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die dann über die Promotion diese Schwelle quasi erreichen?

 

Julia Schnitzer: Da gibt es sicherlich Vorbehalte. Ja, nicht bei allen und bei jedem. Und das liegt, glaube ich, auch stark an der eigenen Persönlichkeit. Aber ich musste schon eine gewisse Sportlichkeit mitbringen. Die Frage ist ja immer, also die Informatiker fragen sich da natürlich immer: Was können die eigentlich? Also das ist, glaube ich, etwas generell, was Designern immer entgegenschlägt. Das hat nichts mit Informatik zu tun, sondern es ist immer generell, dass man sich fragt: „Designer, das können die eigentlich?“ Ja, also, die sind kreativ, aber das haben die in die Wiege gelegt gekriegt. Ich widerlegt das ja. Ich bin ja der Meinung, Kreativität kann man auch erlernen. Es gibt auch viele Leute, die kreativ sind, wo das einfach nicht gefördert wurde, durch Rollendenken, durch Eltern, durch Lehrer, die das nicht erkannt haben.

Kreativität und Design ist genauso erlernbar und studierbar wie jedes andere Fach auf der Welt auch. Und man bringt halt entweder bessere oder nicht so gute Voraussetzungen dafür mit. Aber es hat also eher damit zu tun, dass ich hier in der Technischen Hochschule, ich sag schon, ein Grenzgänger bin. Ich war aber auch an der Kreativen Hochschule, an der ich 15 Jahre davor war, der Grenzgänger oder die Grenzgängerin, korrekter gesagt, weil ich immer schon, auch in meinem Studium, jemand war, der – Ich habe mich nie als klassische oder typische Designerin verstanden. Seit ich 21 bin, habe ich in einer Medienagentur gearbeitet und da habe ich programmiert. Ich habe mit 21 angefangen, mit Code zu arbeiten und ich habe an der TU als Nebenhörerin Medieninformatik damals belegt als einzige Frau.

Und ich weiß noch, dass alle sich gefragt haben: „Was macht die dahinten eigentlich?“ Und ich war die, die die blöden Fragen gestellt hat. Ich habe gefragt: „Warum kann man in HTML nicht Zeilendurchschuss einstellen?“ Und der Typ vorne hat einfach nur so gemacht und war einfach nur genervt. Was ist ein Zeilendurchschuss? Das ist der Abstand zwischen den Zeilen.

Der war damals default. Inzwischen geht das über CSS. Ich habe also mit 21 ketzerische Fragen gestellt, die drei, vier Jahre später möglich waren. Ich habe am Anfang immer gedacht, das ist ein Fluch, so ein Grenzgänger zu sein. Bis ich verstanden habe, es ist der Segen, das ist das, was die Welt braucht. Die Welt braucht eigentlich Grenzgänger, die der anderen Seite erklären, wie die andere Seite funktioniert.

Und genau an der Stelle bin ich berufen worden und das freut mich. Aber ich erkläre meinen Kollegen viel. Ich sage jetzt bewusst „Kollegen“. Wir arbeiten daran, mehr Kolleginnen auch zu haben. Es ist in den MINT-Berufen immer noch ein großes Thema, weiblichen Nachwuchs zu bekommen. Also ich erkläre da viel, was die Rolle des Designs ausmacht, muss aber auch sagen, da hat sich die Informatik unglaublich gewandelt.

Wir haben inzwischen viele junge, weibliche Studierende, die bei uns anfangen, viel mehr als noch vor zehn Jahren. Und es ist auch lange nicht mehr so nerdig, wie man das der Informatik gern unterstellt. Das ist auch Quatsch.

 

Christoph Luchs: Was erklärst du dann also als Professorin nicht nur den Studierenden, sondern quasi auch deinen Kolleginnen und Kollegen? Was erklärst du denen dann zum Beispiel.

 

Julia Schnitzer: Die Schnittstellen. Also viele haben noch dieses alte Vorurteil, dass Design etwas mit Zeichnen zu tun hat. Also viele fragen: „Ja., als Designerin malst du denn jetzt noch überhaupt?“ Und ich sage: „Boah, ich überlege grade, wann ich das letzte Mal in meinem Leben gemalt habe.“ Mit dem Vorurteil haben wir schon angefangen zu studieren, dass die Leute denken, man muss jetzt wahnsinnig gut malen oder zeichnen können.

Unser Studium war schon geprägt durch den Computer und durch die Adobe Creative Suit. Die hieß damals noch anders. Es hieß noch, glaub ich, Macromedia. Aber alles in allem haben sich die Vorurteile nicht sonderlich verändert. Man versteht sehr wenig von der Welt des anderen. Wir haben auch so einen internen Slogan, denn wir heißen Informatik und Medien: Wir sind da, wo Informatik sichtbar wird.

Eigentlich hat jeder bei uns im Fachbereich mehr oder weniger verstanden, dass da, wo Informatik sichtbar wird, sie an eine Usability, also an eine Benutzerfreundlichkeit, gebunden ist. Und Benutzerfreundlichkeit hat halt mit Aussehen zu tun und mit Gestaltung. Das sind die Schritte, die notwendig sind. Und dann sind wir eigentlich auch da, wo es hingehört, nämlich sehr stark dabei, dass Gestaltung in dem Bereich, wo ich tätig bin, sehr stark an Funktionsfreundlichkeit und Alltagstauglichkeit gebunden ist.

Und damit sind wir wiederum ganz stark beim Funktionalismus oder auch bei dem deutschen Verständnis von Design, das ja in anderen Ländern auch ganz anders definiert wird.

 

Christoph Luchs: Andere Länder, da kommen wir nachher noch dazu. Aber um da noch mal einzuhaken, wie gehst du denn dann ran, wenn du zum Beispiel Studierenden eine Aufgabe gibst? Oder sie müssen eine Übung machen oder eine Gruppenarbeit. Wie ist es a) strukturiert und b) Wenn die da an eine Aufgabe herangehen, wie begleitest du die und wie kritisierst du die Arbeiten, um ihnen dieses Verständnis zu geben von Benutzertauglichkeit, um das mal daran festzumachen?

 

Julia Schnitzer: Also alles in allem, es sind die Studierenden, die bei uns anfangen und ich öffne meine Kurse auch für den Master Informatik. Also wirklich für, wie ich immer sage, die klassischen Programmierer und die rennen mir die Bude ein, wenn wir so sagen wollen. Also mein Fach, Interface Design heißt es, ist sehr beliebt und es ist immer regelmäßig ausgebucht, auch unter anderem, weil die Informatiker drinnen kommen.

Sie haben alle verstanden, dass sie nur damit, dass etwas funktioniert, nicht Geld verdienen können oder es auch nicht fertig wird. Und die wollen halt wissen, wie kann ich das fertigstellen und wie funktioniert das eigentlich? Und kann ich das auch selber? Da ist die Motivation sehr hoch und mit denen kann ich auf Master Niveau auch, wie sagt man, auch Fragen stellen, die darüber hinausgehen. „Funktioniert das jetzt oder nicht?“ Sondern auch:“ Sieht das gut aus?“

Was ist zum Beispiel auch ein Trend im Design? Wir haben im Moment den Trend der Onepager in den Web-Applikationen und schauen wir mal, wie lang der hält. Und vor paar Jahren war das Parallaxe Scrolling das große Ding. Dann haben wir uns alle darüber genervt, dass die viel JavaScripte alles so langsam machen.

Es gibt immer die großen Trends an die Optik, die wir gewohnt sind und das kann ich auf Master Niveau auch mit InformatikerInnen wunderbar diskutieren. Schwieriger ist es. Ich habe gerade einen Kurs, da sind vor allem IT Security, die sind aus der IT Security. Und da kriege ich dann wirklich Sprüche, die sagen: “Entschuldigung, aber ich bin ja nicht zum Studieren hergekommen, weil ich mich mit so was wie Gestaltung auseinandersetzen will. Und ich habe Zeichnen schon immer gehasst.“ Ja, also ich habe Kunstkurs gehasst. Auch das nehme ich immer sportlich. Wenn man das dann persönlich nimmt, dann hat man aber auch echt verloren bei den Leuten. Das heißt, ich nehme das sportlich und sage dann immer so: „Ja, damit hat es aber auch gar nichts zu tun, was wir machen.“

Und das Schöne ist ja, dass Gestaltung über Regeln bewertbar ist. Es ist ja nicht so, dass wir hier über irgendeine Glaubensrichtung sprechen, wo wir nur mutmaßen können. Design kann man auch wissenschaftlich begreifen und wissenschaftlich bewerten. Und letztendlich ist es einfach so: Ich gestalte etwas und entweder kann man es bewerten, darüber verkauft sich‘s oder nicht. Ja? Steigert der Werbespots meinen Absatz? Ja oder nein, kurz-, mittel- oder langfristig. Und darüber kann ich das bewerten. Oder ich kann hingehen und kann sagen: „Funktioniert die App oder nicht?“ Man kann das ja alles aufzeichnen, recorden. Es gibt Cookies, die mir einfach sagen: „Ups! Irgendwie 70 % meiner Nutzer bleiben an Interaktion XY hängen und kommen nicht weiter.“ Und damit weiß ich, es funktioniert nicht. Und damit muss ich es anders gestalten.

Ich bringe ihnen solche Regelwerke bei, das heißt, ich geh einfach hin und sage: „Leute, zu 95 % ist Gestaltung erst mal ein Regelwerk. Und das können wir lernen.“ Und hier ist es, da kriegen sie ein Skript, und so, das können sie jetzt auswendig lernen und dreimal üben, dann haben sie es verstanden. Oder aber sie können es auch mit dem Gefühl machen. Denn der Fortschritt den die begabten Designer, so wie sie es nennen, haben, ist der, dass die das halt aus dem Gefühl heraus machen und nicht auswendig lernen müssen. Das ist der einzige Unterschied.

Ich tröste sie immer damit, dass ich sage: „DesignerInnen haben’s dafür immer Angst vor Code. Die sagen immer: „Oh, Mathematik habe ich schon immer gehasst in der Schule. Und ich habe mich noch nie für Mathe interessiert.“ Und da gehe ich hin „Wieso, ist doch wunderbar. Es ist logisch, null oder eins, funktioniert oder nicht ist, If oder Else“. Das ist so eine große Erleichterung für uns Gestalter, die sich‘s normalerweise einer Komplexität mit 1001 Entscheidungen stellen müssen, sage ich: „Ja, hier haben sie nur null oder eins, ist doch herrlich! Sehen Sie es als Erleichterung!“ Man muss dem Ganzen mit Humor begegnen. Man muss die Leute wirklich abholen, wo sie sind. Und es ist mir bis jetzt immer gelungen, auf die Art und Weise.

 

Christoph Luchs: Ja, das klingt so Wenn ich dir zuhöre, dann macht es mir auch Laune, sich damit auseinanderzusetzen und das tatsächlich auch so sportlich zu sehen, wie du das jetzt eben gerade beschrieben hast. Besonders in diesem ewigen Battle. Der Nerd gegen die Kreativen. Und da kann man ja auf der anderen Seite genauso gut die Schubladen aufziehen in Richtung Technik und dann mit Vorurteilen werfen.

Tatsächlich müsste man wirklich mal spaßeshalber so ein Battle machen. Kreative auf der einen und die Nerds auf der anderen Seite. Würde mich mal interessieren, wie das ausgeht, aber das ist nicht unser Thema. [lacht] Könnte man eigentlich so sagen, wenn ich das jetzt so rekapituliere, was du eben gerade beschrieben hast, dass die Studierenden eigentlich viel schneller ein Verständnis dafür haben, warum Design und Technik oder Informatik und Design, Benutzerschnittstellen Usability zusammengehören, als eher die etablierten Professorinnen, Professoren oder Lehrbeauftragten oder alle, die an der Universität arbeiten.

 

Julia Schnitzer: Das würde ich mit einem klaren Ja beantworten, ist aber historisch zu begründen. Wir, also Designer und Informatiker, nähern sich doch ja auch erst über die letzten Jahrzehnte erst an. Ich meine, wir waren die erste Generation, die bei uns an der Hochschule am Computer gearbeitet hat. Vor uns haben alle noch alles auf Papier gemacht. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Design ursprünglich ja auch gar nicht als Bauhausgedanken war. Designer mit Architekten, mit Künstlern, die waren alle noch, die waren alle noch im selben Topf, im selben Studiengang.

Und wir sind erst in unserer Zeit getrennt worden in Print und Webdesigner, damals, in den 90er Jahren und heutzutage, wenn ich über mich sagen würde, ich bin Webdesigner, dann würden alle Mitleid mit haben, so:“ O Gott! . Das klingt total oldschool. Und inzwischen haben wir es mit UX-Designern zu tun und mit Spatial Design und so was.

Das ändert sich alle fünf Jahre. Kann man so ein neues, ich nenne es immer Buzzword in den Raum schmeißen. Aber was, glaube ich, deutlich geworden ist seit Ende der 90er Jahre, also jetzt über 20 bis sogar 25 Jahre hinweg, ist, dass Design und Informatik sich auch in Zukunft untrennbar verknüpfen. Das eine geht gar nicht mehr ohne das andere. Und mir tun dann eher Leute oder Kolleginnen und Kollegen in meiner Generation leid, die noch sehr klassisch Print lastig studiert haben und es versäumt haben, sich über die Jahrzehnte auch weiterzubilden.

Also was mir auffällt ist, dass ich in meiner Altersgruppe auch oder in der Altersgruppe der Boomer-Generation zehn Jahre über uns feststelle. Es ist natürlich ein unglaubliches Verlassen der Komfortzone, hinzugehen und zu sagen: „Oh mein Gott, dieser ganze Coding Geschichte oder dieses ganze digitale Medien Ding, das überfordert mich doch schlicht und ergreifend.“ Mein Kollege sagt: „Was du nur alle drei Jahre? Ich mach das jedes Jahr komplett, mein Coding Know how über Bord werfen.“ Meine Unterricht Skripte sind nach zwei Jahren veraltet. Ja, wenn da 2020 draufsteht. Ich kann die neu schreiben, da kommen neue Technologien, neues Skriptsprachen hinzu. Meine Studenten sagen: „Was mit XML? Das ist doch total oldschool. Ich mach das alles mit Jason!“ Da kann ich nicht hingehen und sagen: „Ja, stimmt. Jason habe ich jetzt einfach versäumt, mir anzugucken.“ Mut zur Lücke und ständig neu einarbeiten ist etwas, was zu meinem Alltag gehört. Das mache ich seit Jahren und seit Jahren verlasse ich regelmäßig meine Komfortzone und finde das aber bereichernd und lustig. Mir wird nicht langweilig.

Auf der anderen Seite gibt es halt Kolleginnen und Kollegen, die waren jahrelang sehr erfolgreich in ihrem Bereich. Die haben sich diese Gedanken nicht machen müssen und jetzt stehen sie plötzlich an so einem Scheidepunkt, wo sie merken: „Oh, da kommt jetzt ein neues Management in meiner namhaften Agentur rein. Wir erfinden uns gerade alle neu und ach du liebe Güte, meine Pressearbeit soll jetzt rein über Social Media Marketing laufen. Ja, also auf Facebook war ich jetzt seit zehn Jahren nicht mehr und Instagram habe ich gar nicht.“

Ja, das schürt vor allem Angst in der Generation. Das kann man dieser Generation, ich weiß nicht, vorwerfen oder nicht vorwerfen. Wir alle müssen uns heutzutage weiterentwickeln und das ist anstrengend. Und ich kann mich nicht ausruhen auf dem, was ich habe. Das ist das Problem in unserer Generation. Ich merke immer, wenn mir jemand sagt: „Digitale Medien, ogottogott, oder noch schlimmer, noch schlimmer.“

Ich bin da als Designer noch ganz stark dran an der KI, an der Technischen Hochschule. Wir stellen Professuren, wir haben gerade Ausschreibungsverfahren laufen im Bereich künstliche Intelligenz und hey, das macht doch dieses Design erst superspannend. Ich freue mich jetzt schon auf KI und Design. Das macht uns Designer doch in dem großen Bereich überflüssig in Zukunft. Wir müssen nicht mehr 100 Varianten an den Kunden liefern. Das kann doch bitte die KI. Das verursacht unglaubliche Ängste. Aber vor allem für die Leute, die nicht verstehen, dass KI vor allem ein mathematisches Ausschlussverfahren ist oder mal mit maschinellem Lernen zu tun hat. Die Entscheidungen: Ist etwas im Zeitgeist, ist etwas moralisch wertvoll, ist etwas gesellschaftlich relevant, die können Maschinen bis auf Weiteres immer noch nicht treffen. Sie können Varianten für uns berechnen. Dazu habe ich einen Artikel geschrieben, aber das war ja erst später. Also es schürt Ängste. Was ich eigentlich meistens mache, ist, ich versuche die Ängste zu nehmen und eher Literatur Tipps zu geben, zu sagen Dann bilde dich doch mal weiter oder streng, ganz einfach Streng dich doch mal an und arbeite dich ein.

Alles andere hilft nämlich nichts.

 

[Musik]

 

Christoph Luchs: Professor Kurt Weidemann hat einen schönen Satz gesagt: „Wir müssen unseren Job alle fünf Jahre neu lernen.“ Und das hat er mit weit über 70 gesagt, als ich ihn mal persönlich kennenlernen durfte. Und das Interessante ist dabei, finde ich, dass er ja eigentlich sagen könnte: „Ich habe alles mit meinem Studium, mit meiner Arbeit, mit einem Lebenswerk geschafft. Ich kann das eigentlich auch so weitermachen.“

Aber ausgerechnet er hat quasi diesen unbequemen Weg gewählt, den du eben gerade beschrieben hast und hat gesagt: „Nein, wir müssen quasi unbequem bleiben.“ Wenn man nicht unbequem ist, auch als Kreative oder als Kreativer, dann hat man eigentlich keine Chance, längerfristig immer wieder am Ball zu bleiben oder auch am Puls der Zeit sozusagen. Das finde ich einen ganz interessanten Punkt dabei.

 

Julia Schnitzer: Gut zu Punkt gebracht. Ja, darum ist er ja auch so interessant. Und es gibt Leute, die glaube ich, die können sich das leisten, das nicht zu tun, weil sie einfach auch so genug Geld verdienen. Aber wenn ich mich mit diesen Leuten unterhalte, die sind doch alle, sagen wir mal ehrlich, total langweilig. Da gibt es nichts mehr Neues zu hören, außer Komfort-Gespräche.

 

Christoph Luchs: Genau. Also ich kann das genauso sehen wie du mit diesem ständigen neuen allein mit der Software, die man als Kreative oder als Kreativer anwenden muss. Dass halt immer wieder alle eins zwei Jahre eine Software auf den Markt kommt, die mit neuen Funktionen daherkommt oder neuen Arbeitsweisen und besonders dann die althergebrachten Arbeitsweisen sich so schön etabliert haben und so neuronal vernetzt, dass man die nicht mehr rauskriegt.

Also egal, welche Argumente man dagegen gehalten hat und gesagt hat schaut doch mal, es gibt zum Beispiel die medienneutrale, alle Produktion, dass ich eben nicht mehr Ausgaben orientiert Bilder umrechnen muss, sondern ich arbeite mit RGB-Bildern, also um ein ganz simples, plattes Beispiel zu nennen, hat schon zu schieren Aufständen geführt unter Kreativen, die gesagt haben: „Um Gottes Willen, ich kann auch jetzt meine Arbeitsweise, die ich 25 Jahre lang erlernt habe, die kann ich doch nicht einfach ablegen von heute auf morgen.“ Das Spannende ist ja, was kommt denn jetzt eigentlich auf uns zu? Weil ich glaube, dass wir tatsächlich wieder an einer Schwelle stehen. Und deswegen sprechen wir ja auch heute hier zu diesem Thema. Zum Beispiel, dass die künstliche Intelligenz ja tatsächlich auch die kreative Arbeit beeinflusst. Ich nenne es ganz bewusst so, weil das Vorurteil ja lautet: Künstliche Intelligenz ersetzt Kreativität. Was sagst du dazu?

 

Julia Schnitzer: Ja, da waren jetzt gleich mehrere Fragen oder Punkte drinnen. Jetzt fange ich bei der künstlichen Intelligenz an, weil sie so schön triggert. Ja, da kann man sich drüber streiten. Was bedeutet eigentlich ersetzen? Ersetzen ist so ein dramatisches Wort. Ich bin überflüssig. Ich sage aber, sie schafft ja genauso viel, wenn nicht sogar mehr. Sie schafft mehr Rollen für DesignerInnen, als sie wegnimmt.  Vielleicht wollen wir das so sagen. Das heißt, sie ersetzt aber auf eine Art und Weise ein traditionelles Arbeitsfeld und schafft gleichzeitig neue. Damit sind wir auch in der Problematik schon drinne, dass ich wirklich denke, dass unser menschliches Gehirn hat halt archaische über Jahrtausende, naja, Jahrtausende übertreiben wir mal nicht, aber es hat sehr viele Jahrhunderte entwickelte Verhaltensmuster und wir sind nicht so ausgelegt oder so konzipiert, dass wir innerhalb eines Lebenszyklus alle fünf Jahre alles über Bord werfen sollen. Wir sind nicht so programmiert in unserem Gehirn, sondern wir lernen, was weiß ich, wir lernen das Jagen, wir lernen das Sprechen, wir lernen das Laufen und irgendwann verfeinern wir das. Und dann werden wir vor allem erfahren. Früher hat man mit dem Alter dann die Erfahrung gehabt. Und was ist eigentlich inzwischen unsere Erfahrung wert?

Wenn ich jetzt noch eine Webseite mit Frameworks programmiere, ist meine Erfahrung nichts mehr wert. Auf der anderen Seite habe ich überhaupt nicht das Gefühl, eigentlich entwertet zu sein dadurch, dass ich so einen breiten Überblick oder Rückblick über die Web-Technologien, oder sagen wir mal, über die digitalen Medien habe. Weil ich natürlich ganz anders urteilen kann, ich habe eine andere Urteilsfähigkeit oder auch eine andere Gelassenheit.

Nichtsdestotrotz, die Herausforderung ist, dass uns die rasante Entwicklung im digitalen Zeitalter dazu zwingt, unsere Zyklen zu beschleunigen, wofür wir eigentlich nicht gemacht sind. Und das gelingt halt der agilen Persönlichkeit oder der flexiblen Persönlichkeitsstruktur besser als jemand, der eigentlich ein sehr bedächtiger, vorsichtiger Mensch ist. Das heißt, es ist persönlichkeits-gebunden, auch ein wenig, wie gutes Rüstzeug wir mitbringen dafür.

Und ich finde es auch schwierig, jemandem vorzuwerfen, der immer schon ein sehr beständiger Mensch war, sehr vorsichtig, auch sehr sorgfältige Urteile gefällt hat. Der hat es plötzlich schwierig. Und die Frage ist: Ist das fair? Ja? Also das weiß ich nicht, ob das fair ist. Es werden plötzlich ganz andere Typen von Persönlichkeiten gefordert, die da jetzt plötzlich gewinnen können.

Und ich denke, die jüngere Generation, die danach folgt, die hat da schon ein ganz anderes Instrumentarium mit auf den Weg gekriegt, um damit umgehen zu können. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Generation und die der Boomer 30 % der Arbeitskräfte im Moment, der Fachkräfte in Deutschland decken. Und wenn wir dann irgendwann in Rente gehen?

Wir müssen sicher alle bis 70 arbeiten, aber wir dürfen eigentlich gar nicht in Rente gehen, habe ich jetzt gerade wieder eine Studie bei Statista gesehen. Wir dürfen gar nicht in Rente gehen, aber wir sollen uns bitte alle fünf Jahre neu erfinden. Ich finde das eine echte Zumutung. Das ist nicht jeder Frau oder jedermanns Sache. Aber vielleicht hilft uns ja dabei KI. [lacht]

 

Christoph Luchs: [lacht] Das stimmt. Also diese Zyklen, dass die ja natürlich auch einen wahnsinnigen Druck in der Arbeitswelt auslösen, nicht nur auf Angestellte, sondern auch auf Selbstständige, besonders selbstständige Kreative zum Beispiel, die immer wieder sich neu positionieren müssen, alle Jahre sich neu, wenn sie Glück haben, sich coachen lassen können oder einfach aus sich heraus immer wieder neu überlegen müssen: Wer bin ich, was kann ich und bin ich noch was wert? Also ist meine Arbeit überhaupt noch etwas wert, weil ich etwas gelernt habe vor fünf Jahren, was heute niemand mehr braucht, zum Beispiel iPad Publishing oder so? Das interessiert heute überhaupt niemanden mehr. Vor zehn Jahren wäre das der letzte Schrei gewesen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen ist. Und das ist das Interessante an dem Beruf generell, dass tatsächlich auch die Technik durchaus alle zum Bewegen anregt und dass die Veränderung der Technologie auch die Werkzeuge verändert.

Wir arbeiten heute mit einer Vielzahl von Hardware-Werkzeugen und das ist ja auch das Spannende, dass wenn ich diese Hardware beherrsche, dann denke ich: „Okay, dann habe ich es drauf. Ich habe den schnellsten Computer, ich habe die tollste Maus, ich habe die schnellste Kamera, ich habe die höchste Auflösung und damit bin ich top.“ Aber darum geht es ja eigentlich nicht.

Und das ist ja auch etwas. Ich glaube du hast einen TED-Vortrag gemacht und der ist online bei YouTube auch einzusehen. Und da gehst du ja auch darauf ein, dass wir eigentlich von der Hardware wieder wegkommen, dass die Tendenz dahin geht, dass wir eher in die Software oder in die Services denken müssen und dass wir uns eigentlich wieder von diesen dinglichen Statussymbolen eigentlich wieder verabschieden dürfen.

Was bedeutet das dann eigentlich für Kreative zukünftig? Und um auf dein Stichwort KI noch mal zurückzukommen: Wie kann man sich das denn vorstellen, wie KI Kreativen der Arbeit helfen kann? Denn bislang sieht es ja immer so aus, dass KI angeblich Kreativität ersetzt. Was natürlich eigentlich Unsinn ist, wenn man genauer sich mit KI beschäftigt und deren Algorithmen und überhaupt die verschiedenen Arten wie KI eingesetzt wird.

Was haben Kreative vielleicht zukünftig davon? Und auch wie werden sich diese Werkzeuge vielleicht zukünftig ändern? Was meinst du.

 

Julia Schnitzer: Wie wird sich das ändern? Also letztendlich ist KI ja berechenbar. Die Frage ist nur, wo wird sie in zehn oder in 20 Jahren stehen? Zum jetzigen Zeitpunkt ist das wirklich überschaubar, was sie uns abnimmt. Also da ist jetzt zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht so viel möglich, aber es macht Sinn, dass die Diskussion jetzt schon im vollen Gange ist, denn die Frage ist auch die: Wird uns KI irgendwann moralische Entscheidungen abnehmen können, was jetzt schon angeblich möglich ist?

Das Ding ist ja immer: KI ist fehlerbehaftet im Moment. Darum wird sie auch nicht breit zum Einsatz kommen. Ein schönes Beispiel ist Gesichtserkennung. Es gibt inzwischen eine Software, die wird erprobt, um terroristische Anschläge zu verhindern, die einfach feststellen kann, dass Menschen, die schlechte Absichten haben, eine gewisse Gesichts Anspannung haben und KI kann die erkennen.

Das Problem ist, KI macht Fehler. Das heißt sie filtert mir dann von, was weiß ich, einer Million Leute filtert sie mir zehn raus, die potenziell tatsächlich Gefährder sind, aber sie zeigt mir zwölf an und zwei sind unschuldig. Was machen wir mit denen? Also ich sage es mal so, in demokratischen Ländern kann so was auch bis auf Weiteres noch nicht wirklich auf breiter Ebene eingesetzt werden, so lange KI noch so viele Fehler macht.

Und das ist maschinellem Lernen geschuldet an der Stelle, dass es eben auch mir, wenn ich irgendwie „Brille“ eingebe, hunderte Brillen liefert, aber auch zwei Klobrillen. Das ist vielleicht ein gutes Beispiel, weil Brille ist Brille, wie soll sie das denn entscheiden? Das sind die neuronalen Netze, die lernen dann natürlich.

Das ist das eine. Das heißt, es kocht nur mit Wasser, aber die Fähigkeit entwickelt sich rasant und die Frage ist wohin? Und ich stelle mir im Moment vielmehr die Frage: Was bedeutet das für unsere Gesellschaft, wenn die KI-Entscheidungen abnimmt, zum Beispiel auch autonomes Fahren? Ein wunderbares Beispiel. Im Prinzip ist die Technik vorhanden. Ich fahre dann damit los und die künstliche Technik sieht einmal läuft eine Oma mit Stock über die Straße und einmal Katze und das Auto weiß: Eine von beiden muss ich überfahren. Ich krieg’s nicht mehr gebremst. Ich kann nur nach rechts oder nach links wenden. Wer ist jetzt mehr wert? Kann das eine KI entscheiden? Irgendwann wird sie das. Aber die Frage ist, wer haftet dann? Hallo? Weil die KI entscheidet, wer haftet letztendlich? Also das sind so große Fragen und die können immer noch nur die Menschen beantworten im Moment.

Also ich weiß nicht was. Wir werden es noch erleben, hoffe ich in 50 Jahren, dass wir uns fragen, Was ist es eigentlich dann? Ich habe mich fest entschieden 100 zu werden. Mal gucken, ob es klappt. Ja, ich will das gerne weiter beobachten.

Das ist jetzt das eine. Das andere ist eigentlich der Moment. Ja, die Hardware verschwindet. Was werden Designer dann machen? Na ja, sie werden weniger Laptophüllen und weniger iPhones designen. So wie die so außen aussehen. Und weniger Android mit geschwungenen Oberflächen, sondern viel mehr den Service an sich. Heißt das, was sich als digitale Ebene über meine physische Ebene blendet. Das heißt, ich gucke einfach und ich kann dann vielleicht an meiner Brille hier einmal draufdrücken und dann wird ein digitales Bild auf meine Netzhaut projiziert oder auf meine Brillengläser, je nachdem, welche Technologie sich schneller entwickelt. Und dann kann ich halt einfach in mein Sichtfeld eine digitale Ebene drüberlegen. Klingt für mich jetzt schon sehr bequem, ist aber auflösungstechnisch schwierig, weil das wahnsinnig hoch aufgelöste Bilder sind, die hier mit, ich sag mal, 24 Bildern pro Sekunde übermittelt werden müssen. Wo? Über eine Brille, über welches WLAN? Wir haben jetzt 5G. Alle regen sich auf. Ich glaube, auch 5G würde da an seine Grenzen kommen. Heißt, wir reden hier über Dinge, die technisch jetzt noch nicht möglich sind. Wir können Zukunftsszenarien diskutieren. Das ist gut, dass wir das machen und dass wir uns unserer Verantwortung bewusst sind, was das bedeutet, wenn das in 10 bis 20 Jahren technisch möglich ist.

 

Christoph Luchs: Eine digitale zweite Ebene. Ich habe mich auch mal umgeguckt, was es so alles für Lösungen gibt. Und wenn man in Richtung VR geht, dann sieht man auch schöne Ergebnisse oder schöne Studienarbeiten. Forschungsergebnisse, die durchaus dann auch die Frage stellen, nicht nur nach der Auflösung, sondern nach der Bildwiederholfrequenz, die eine unglaubliche Datenrate produziert, weil man eben nicht nur in HD oder in 4K projiziert mit einer Datenbrille, sondern mit einer sehr, sehr hohen Bildwiederholrate, um Bewegungen zum Beispiel in Echtzeit auszuführen, um dem Gehirn eben die Echtzeit-Informationen zu geben, die es braucht und eben nicht mit einem Verzögerungseffekt oder mit einem Nachzieh-Effekt oder sonst was für Sachen aufzufahren, die dann letztendlich die Bedienung ja unmöglich machen bzw. auch das Gehirn soweit irritieren, dass man sehr schnell ja einen Schwindel erlebt oder dass einem unwohl wird.

Wie geht ihr daran? Wie beobachtet ihr das? Forscht ihr dazu? Wie? Was tut ihr in diese Richtung?

 

Julia Schnitzer: Im Moment diskutieren wir sehr stark darüber und ich stelle mal ein Beispiel in die Runde. Wir machen es nicht nur, weil es technisch noch nicht möglich ist. Aber es gibt ja auch die ganzen Deep Fakes inzwischen und ich habe jetzt mehrere Masterarbeiten auch zum Deep Fake Thema bereits betreut. Dann stellen wir uns mal vor, ich setze meine Brille an, ich mache das Knöpfchen an und wir werden Personen im Stadtbild rein projiziert, die gar nicht physisch echt sind.

Die Frage ist a) Sind sie deshalb wirklich nicht echt? Also ich liebe Blade Runner Teil zwei aus diesem Grund, weil da einfach das schon so wunderbar sich alles vermischt. Der verliebt sich ja wirklich in seine digitale Assistentin. Und die Liebe ist, das Gefühl ist echt. Also keiner soll mir erzählen, dass er sich nicht echt verliebt, dass das künstlich ist.

Wir können uns in virtuelle Personen genauso gut verlieben wie in physische Personen. Wir finden sie teilweise sogar liebenswerter. Das ist ein anderes Thema, aber auch das ist schon wissenschaftlich nachgewiesen. Es ist nur technisch nicht möglich. Ansonsten wären wir schon so weit, dass wir eben im städtischen Erscheinungsbild so hoch aufgelöste 3D Nachbauten von Menschen hätten, dass wir sie nicht unterscheiden könnten.

Wir müssen hingehen und ins Leere fassen, damit wir uns überzeugen können, dass sie tatsächlich rein virtuell sind. Und sie könnten eigentlich auch schon mit uns sprechen, fast auf der Ebene, denn Chatbots sind ja auch schon sehr weit, fast auf der Ebene, auf der wir mit physischen Menschen [lacht] kommunizieren. Heißt zum Beispiel so Geschichten wie: Ich kaufe am Infostand Info Points, oder ich gehe mal zum Bahnhof und will eine Auskunft haben.

Wo ist der Unterschied, ob da eine echte oder eine in Fleisch und Blut Person oder nur eine künstliche virtuelle Persönlichkeit vor mir sitzt. Ich kann auch Persönlichkeiten inzwischen so programmieren, dass sie mir wesentlich charmanter, humorvoller, liebenswerter erscheinen. Was macht das mit uns? Nur Kinder können wir mit denen noch nicht kriegen. Aber das gab es auch in den 80er Jahren schon beim Blade Runner, das Problem. Die Filme greifen immer die großen gesellschaftlichen Fragen voraus und es ist nur nicht Wirklichkeit geworden, weil es technisch noch nicht möglich ist. Aber es wird. Aber die Technik entwickelt sich. Ab wann werden wir das erleben?

 

Christoph Luchs: Blade Runner Teil zwei ist sicherlich ein sehr schöner Film, was mir auch dazu einfällt. Neben zahlreichen anderen Filmen, literarischen Vorgaben, die Roboter Gesetze zum Beispiel. Aber halt auch der Film „Her“ ist, glaube ich, eine sehr schöne Umsetzung, wie eine 1:1-Beziehung mit einer KI funktionieren kann und wie das aussieht und dass das eigentlich eine sehr poetische Darstellung auch ist und überhaupt nicht erschreckend, sondern durchaus auch realistisch und auch nachvollziehbar.

Aufgrund des Protagonisten und seiner Vorgeschichte, sage ich jetzt mal ganz grob, aber ich finde, man kann anhand der Geschichten schon sehr gut eigentlich auch sich das selber vorstellen. Was kommt da auf uns zu? Ist es eigentlich so, dass die Science-Fiction Autorinnen und Autoren, zum Beispiel Gibson oder Stephenson oder andere, dass die halt doch sehr viele Dinge schon so vorweggenommen haben, die jetzt von anderen Medien aufgegriffen und umgesetzt werden.

Es gibt Netflix Serien ohne Ende in Richtung KI, virtuelle oder Virtualität, aber auch Zeitsprünge. Nebenbei den klassischen Science-Fiction Serien wie Star Trek und Star Wars und anderen. Ist das etwas, was uns genau dazu hilft, uns das auch vorzustellen und sich damit anzufreunden, was auf uns zukommt?

 

Julia Schnitzer: Ja, also ich denke, dass Autoren oder kreativ Schaffende, kann man sagen, die Zukunft schon voraus denken. Und sie sind ja eben nicht an die technische Machbarkeit gebunden. Auch Kunst ist grundsätzlich gut geeignet, um Utopien und Dystopien vorauszudenken. Und sie können recht haben, aber auch Unrecht. Also man kann sich viele Filme auch angucken rückwirkend, die jetzt in der Zukunft gespielt haben, wo man sich denkt: „Wie bescheuert ist das denn bitte schön?“

Und man muss aber auch sagen, dass die Erfindung des Smartphones, die hat keiner vorausgesehen, also teilweise entwickelt sich die Technik dann doch anders als in der Fantasie herbei gesponnen. Aber das eine bedingt das andere wiederum und wir lernen voneinander. Und ganz oft werden eben die großen Trends. und der große Zeitgeist in Teilen in intellektuellen Köpfen verfasst und in Teilen, aber eben im Technik Labor entwickelt.

Und das fließt dann irgendwann zusammen.

 

[Musik]

 

Christoph Luchs: Wenn ihr mit den Studierenden zusammen Projekte entwickelt. Aber auch Masterarbeiten betreut/begleitet. Da geht es ja sicherlich auch mal dahin, neue Wege, neue Welten zu entdecken, unerforschte Regionen auch der Technik auszuloten. Mit welchen Werkzeugen arbeitet ihr denn dann? Wir als Kreative haben ja in der Regel irgendwie einen Mac oder ein PC vor der Nase und arbeiten mit der Adobe Creative Cloud oder mit der Affinity Suit, aber mit was für Tools arbeitet man denn dann, wenn man in diese Richtung geht, in diesem digitalen Layer, in diese zweite Ebene, um dort Interaktionen überhaupt vorauszudenken?

Klar. Und dass man das als Video oder als Simulation, als Klick Prototyp umsetzen kann, das ist, denke ich, auch für viele vorstellbar. Aber wie geht es dann weiter?

 

Julia Schnitzer: Das ist eine gute Frage, weil da kommen wir wirklich in ein spannendes Gebiet der echten Forschung hinein. Die lustigste Frage ist immer, wenn jemand sich so ein tolles Thema wählt, dass das Thema fixt einfach viele junge Leute an und dann wählt sie sich so ein Thema für ein Projekt oder für eine Abschlussarbeit. Und dann kommt eine schöne E-Mail: „Ich habe dazu keine Literatur gefunden.“ Das ist der Klassiker, denn ich muss da immer total lachen und sage: „Ja, die müssen Sie dann in Zukunft schreiben.“ Also Literatur bedeutet ja, dass sich jemand ausgiebig mit dem Thema befasst hat und dazu ein Buch geschrieben hat, das dann irgendwann gedruckt wurde, das erschienen ist. Das heißt, ich bewege mich wirklich ganz häufig bei Abschlussarbeiten in Bereichen, wo es keine Literatur Arbeit im klassischen Sinne gibt. Dass ich in eine Bibliothek gehe und mir ein Buch lese. Auch die Bücher, die ich mir zu diesen Themen bestelle, das sind wenige Bücher, die ich dazu kaufe. Ich habe ganz viele Foren abonniert. Wir gehen auf Konferenzen, ich lese Konferenz-Papiere. Ich habe gewisse E-Mail-Newsletter abonniert, für die ich teilweise auch bezahle, damit ich eben Tech News kriege. Das fasse ich mir alles selbst zusammen. Das ist vielleicht das eine, dass ich den Studierenden erst mal erklären muss, dass wir uns in einem Gebiet rein begeben, wo wir noch nicht auf den Erfahrungen anderer bauen.

Und das ist ganz interessant. Da muss man die Leute im Master erst abholen. Die sind aus dem Bachelor so gewohnt, dass eben Literaturarbeit, aber dass sie korrekt zitieren müssen, dass sie immer brav schauen müssen. Es wird ja wirklich dieses korrekte wissenschaftliche Arbeiten auch wirklich sehr streng in Deutschland gehandhabt. Sie sind dann da sehr geschult und man muss sich die erst mal wegkriegen, sagen“ Hört mal auf in Buchform zu denken in der Literaturrecherche, sondern wir begeben uns jetzt auf Neuland und da gibt es noch nichts.“

Das heißt, wir finden heraus, wir erproben selber, wie etwas funktioniert.

Ich habe gerade ein Forschungsthema am Start, das heißt Digitalisation of Cultural Heritage, wo wir uns ganz stark mit 3D Scanning beschäftigen, um eigentlich historische Fakt oder auch Zerstörung vorzubeugen. Das ist ein vom DAAD gefördertes Projekt im Nahen Osten, wo aufgrund politischer Konflikte und Bürgerkriege, ich sage nur Beispiel das UNESCO Weltkulturerbe Palmyra in Syrien, einfach komplett zerstört wurde. Und wir denken uns: „Wie schade, dass das für die Nachwelt nicht konserviert wurde.“ Und Hochschulen haben inzwischen Palmyra komplett virtuell nachgebaut oder wiederaufgebaut auf Basis von Fakten und Daten. Das heißt, Virtualität gibt uns auch die Möglichkeit, natürlich nicht Physis nachzubauen, aber zumindest kulturelles Wissen nicht verloren gehen zu lassen. Dafür verwenden wir aber Werkzeuge, die teilweise noch gar nicht erforscht sind.

Das heißt, wir haben uns da, nicht in Syrien, wir waren in Jordanien, an der Stelle auf Ausgrabungsstätten begeben und haben dann erst mal ausprobiert, wie geht denn überhaupt das Gerät, das wir haben? Wir haben Kameras mitgenommen, am Scanner, Smartphones. Wir haben uns mit verschiedenen möglichen Workflows beschäftigt. Und was meine Studierenden gerade machen, ist, sie arbeiten alle an einer Dokumentation, ein Papier, wo sie ihren technischen Workflow einmal schildern und dann schreiben, was ging gut, was ging nicht gut, was geht noch gar nicht.

Und wir kommen mal wieder da an unsere Grenzen, wo wir sagen, da ist die Technik noch nicht so weit.

Das andere Beispiel ist: Wir haben jetzt für die HoloLens für Microsoft ein Spatial Design entwickelt im Rahmen einer Masterarbeit. Und die Studentin hat sich entschieden, mit Microsoft Maquette zu arbeiten. Das sind dann Tools, da ist man auch nur noch auf Foren unterwegs. Wenn ich da wissen will, wie das geht, muss ich auf der Microsoft Homepage mir dann Leitfaden angucken. Ich kann mir dazu kein Buch kaufen. Auch Udemy Tutorials, schwierig. Ja, also man guckt dann wirklich auch in den reinen Entwickler-Foren, da holt man sich die Informationen. Sie hat mit Maquette gearbeitet und mitten mittendrin lese ich in meinem Tech News: Es wird gar nicht weiterentwickelt, bleibt im Beta Stadion. Damit müssen wir uns täglich auseinandersetzen.

Ich arbeite mit Emotiv. Emotiv ist eine Brain Computer Interface Schnittstelle. Wenn ich da mit den Studierenden arbeite, haben wir es mit drei Updates in nur einem Semester zu tun. Das heißt, wir fangen an, müssen alles irgendwie wieder über Bord schmeißen, nächstes. Aber das ist eine Art von Workflow, die ich ab dem fünften Semester Bachelor mit meinem Studieren erarbeite und sage: „Gewöhnt euch einfach dran. Das, was ihr heute lernt, steht morgen nicht mehr fest.“ Es entwickelt sich weiter, Tools werden eingestellt, neue kommen raus. Im Moment arbeiten wir mit Mixed Reality Toolkit Zwei und Drei. Mal gucken, was nächstes Jahr angesagt ist. Vor einem Jahr habe ich das noch nicht gemacht.

 

Christoph Luchs: Also Learning by Doing, eigentlich. Also ausprobieren. Letzten Endes, wenn ich das jetzt so richtig verstehe, zum Beispiel mit einem Lidar Scanner. Also das ist ein 3D Scanner, mit dem ich quasi Architektur einscannen kann oder zumindest die Überreste. In der forensischen Architektur arbeitet man auch in dieser Methode und interpoliert quasi aus Modellen oder aus Ansichten wiederum die Rekonstruktion. Das wird auch in der Ukraine gerade sehr häufig eingesetzt nach der Zerstörung von Kulturstätten, um dieses Erbe zu bewahren. Man erzeugt Daten und dann weiß man noch gar nicht, was man mit den Daten macht. Also zum Beispiel Daten-Wolken zwar stellvertretend für 3D Modelle, dass also nur Datenpunkte erreicht werden, Koordinaten im Raum, die man sich schön angucken kann. Und es sieht auch unglaublich beeindruckend aus, wenn man da so Daten-Wolken hin und her schiebt.

Und die Rechenleistung ist auch enorm, die man dafür braucht, wenn man entsprechende hohe Auflösungen hat. Aber was tut man dann damit? Also wie kann man dann aus diesen Punkten, Koordinaten, eventuell Vektoren? Wie kann man daraus etwas machen, was dann hinterher wieder eine Anwendung ergibt bzw. eine Umrechnung oder ein Algorithmus? Kann ich mir das so vorstellen?

 

Julia Schnitzer: Ich bin gerade überrascht, wie gut du da Bescheid weißt in diesem speziellen Gebiet. Also wir haben zum Beispiel von der Jarmuk Universität in Jordanien genau solche Datenpunkte-Dateien gekriegt. Haben uns die angeguckt. Die sehen so ein bisschen aus, vielleicht wie mit Nachtsichtgerät gemacht, also es sind lauter neongrüne Punkte. Das ist ja das Schöne daran, dass wir auch nerdige Studierende haben, die setzen sich hin und dann: „So, und was kann ich damit jetzt eigentlich im Blender machen?“ Also wir kochen auch nur mit Wasser, wir gehen hin, wir kriegen solche Dateien und überlegen uns: „Kann ich damit was in Blender machen oder funktioniert besser Cinema 4D oder Maya?“

 

Christoph Luchs: Also man kann ja einfach Triangulation, das heißt jede Koordinate wird zu einem benachbarten Punkt mit einem Dreieck verbunden und in eine Fläche umgewandelt. Ist das richtig? Ganz simpel, ganz basic.

 

Julia Schnitzer: Also wir probieren das aus und dann merken wir, da gibt es Lücken oder da ist es nicht vollständig. Und dann entwickeln die Studierenden Patches. Aber da gibt es auch dieses Tileing, das heißt, man kann ja auch in Unity hingehen und kann sagen, man kann das künstlich mathematisch weiter berechnen, so dass das unendlich wird. Also das ist dann so, da sitzt dann halt der eine oder andere Studierende dran und beschäftigt sich damit, kommt ins nächste Projekt und sagt: „Sieht übrigens scheiße aus, ich bin total unzufrieden.“ Das ist der häufigste Satz. Ja, so ist es. dass es nicht zufriedenstellend ist. Aber so entwickeln wir uns weiter. Und ich sage: „Ja, aber das ist doch toll, du hast es rausgefunden. dass das jetzt irgendwie nicht so funktioniert wie wir das wollten. Bitte dokumentiert das, halt das fest, denn das ist eine wichtige Erkenntnis.“

Das ist ein ganz anderes Arbeiten. Aber es macht total Spaß, wenn man dann ein Team hat. Wir haben einen, der beschäftigt sich ganz stark im Bereich, das ist aber auch mein Kollege, der die 3D Professur hat, ganz stark im Bereich Noise und Rendering, also wie man mit Oberflächenstrukturen arbeiten kann, sodass sie möglichst naturalistisch sind. Und der schnappt sich dann den Teil und arbeitet daran, während ein anderer eben guckt, wie kann ich das irgendwie automatisieren oder die stempeln dann auch klassisch in Blender das mal rein und gucken dann, sieht das natürlich aus und holen sie sich ein Foto her und holen das teilweise aus dem Originalbild raus, dann wird das manuell gemacht. Und dann flucht der eine und sagt: „Boah, ich saß das ganze Wochenende nur dran, hab nur gestempelt, ich kann das jetzt nicht mehr sehen.“ Sagt der nächste: „Boah, das muss es doch auch automatisiert geben. Ich guck mal, ob ich da einen Workflow hinkriege,“ und dann programmiert er los. Ja, so einfach funktioniert Forschung in der Informatik: Ausprobieren und wenn es einen Weg gibt, dokumentieren, und dann veröffentlichen. Genau. Vielleicht habe ich jetzt auch Forschung ein bisschen entzaubern können auf die Art und Weise.

 

Christoph Luchs: Oh, ich glaube, einfach durch ganz viel Machen, Nachdenken, Kritisieren, Scheitern. Ich glaube, Scheitern gehört ja dann auch stark dazu. Wie auch eigentlich bei kreativen Projekten kann man sagen, dass das durch dieses Ausprobieren, Experimentieren, Scheitern zu eigenen Erkenntnissen kommen und dann vielleicht doch zu einem Ergebnis, mit dem man erst mal so weit zufrieden ist oder nach der Zeit zumindest zu einem Punkt gekommen ist.

Ist das etwas, was mit kreativen Projekten sehr, sehr ähnlich ist?

 

Julia Schnitzer: Ich würde sagen, das haben InformatikerInnen und DesignerInnen gemeinsam. Das Umgehen-Müssen mit dem häufigen Scheitern und das eigentlich als Tugend zu begreifen. Wenn ich was gestalte, ich bin misstrauisch, wenn es mir beim ersten Mal gelingt, weil ich mir denke: „Bist du dir sicher, dass das wirklich gut ist. Du hast ja noch gar keine Vollkrise zwischendurch geschoben.“ Das ist im Coding exakt dasselbe. Wenn ich meinen Studierenden beim Programmieren zusehe, dann ist das genau derselbe Weg. Und ich glaube, was eher gefährlich ist, ist, dass man, egal in welchem Berufsfeld, irgendwann sagt: „Ich möchte mir das Scheitern ersparen.“ Dann erfindet man sich nämlich auch nicht mehr neu.

 

Christoph Luchs: Ein sehr schöner Satz. Wir kommen noch mal zurück. Du hattest vorhin gesagt, dass ihr in Jordanien unterwegs wart. Du hast schon etwas früher mit dem Nahen Osten zu tun gehabt. Und wie bist du jetzt da hingekommen, nach Jordanien? Und was machst du da konkret?

 

Julia Schnitzer: Ja, also der Nahe Osten, also mein Interesse am Nahen Osten habe ich tatsächlich meiner Abiturzeit zu verdanken. Wie so oft im Leben sind es persönliche Zufälle oder zufällige Begegnungen, die dazu führen, dass man das einnimmt, dass eine Identifikation mit einem Thema oder in dem Fall Nahost entstehen kann.

Wir hatten es als Geschichtsthema im Abi und ich habe damals zu Abi-Zeiten bei meinem Physiklehrer gewohnt und das zweite Zimmer hatte ein anderer Schüler aus Israel und ich habe gesagt: „Wäh, wir haben Nahost-Thema, wen interessiert das schon in Geschichte!“ Und er sagt: „Das ist doch nicht scheiße, das ist total spannend. Guck mal, ich erklär dir das.“ Und dann hat der mir das erklärt und ich dachte mir so: „Die Kunst ist einfach, dass einem jemand ein Thema nahelegt.2 Vielleicht wollen wir das so beschreiben. Und er hat es geschafft und ist danach dann auch dahin zurückgezogen und hat mich halt eingeladen. Das heißt, ich reise, seit ich 20 bin regelmäßig in den Nahen Osten.

Und ja, dann hat man natürlich auch ganz andere Möglichkeiten, dass sich einem das vor Ort erschließt, als wenn man dann eben gerade das Pech hat, dass man nur als Tourist in so einer Gruppe da durchgeschleust wird.

Die Idee kam dann mir erst im Rahmen meiner Lehrtätigkeit. Die kam den Studierenden, dass wir Reisen machen könnten. Und wir hatten Geld in einem Projekt-Topf übrig. Und dann sind wir damals allerdings nach Istanbul gefahren in der ersten Studienreise und irgendwann kam dann Israel, Jordanien. Seit 15 Jahren hat die THB eine Partnerschaft mit der German Jordanien University und der Kollege von mir, der da den Hut aufhatte, der ist in Pension gegangen vor eineinhalb Jahren und hat mir den Hut überreicht.

Daher kommt das. Ich habe jetzt gerade beim DAAD einen sehr großen Projektantrag eingereicht. D.h. die Aktivitäten stehen und fallen natürlich auch immer mit den entsprechenden Projektanträgen und wir dürfen alle die Daumen halten, dass der bewilligt wird, damit wir auch weiterhin mit diesem Projekt tätig sein können.

 

Christoph Luchs: Wir drücken alle fest. Super! Julia bist du spontan? Bist du ein spontaner Mensch?

 

Julia Schnitzer: Jein. [lacht]

 

Christoph Luchs: Wir spielen ein Spiel, wir spielen das AB-Spiel und ich werde dir zwei Wort Paare geben und du darfst dich für eins entscheiden. Wenn ich sage Hund oder Katze, dann sagst du?

 

Julia Schnitzer: Das fordert ja die Entscheidungsfreudigkeit bei Menschen heraus, denn ich darf nicht Hase sagen, ne? [lacht]

 

Christoph Luchs: [lacht] Bei uns gibt es noch eine Regel: Du darfst dir tatsächlich eine dritte Alternative ausdenken, wenn du mit den ersten beiden nicht zufrieden bist. Insofern wäre Hase okay.

 

Julia Schnitzer: Gut, dann hat sich für mich da nämlich die Pari-Pari-Situation aufgelöst.

 

Christoph Luchs: Okay, ja, dann fangen wir einfach mal an, wir fangen ganz locker an und kommen natürlich auch in die ein oder anderen Regionen hinein. Fangen wir mal an: hell oder dunkel.

 

Julia Schnitzer: Dunkel.

 

Christoph Luchs: Aufstehen oder liegenbleiben.

 

Julia Schnitzer: Aufstehen.

 

Christoph Luchs: Wecker oder Smartphone.

 

Julia Schnitzer: Smartphone.

 

Christoph Luchs: Vogelgezwitscher oder Radio.

 

Julia Schnitzer: Radio.

 

Christoph Luchs: Eule oder Lerche.

 

Julia Schnitzer: Eule.

 

Christoph Luchs: Radio oder Playlist.

 

Julia Schnitzer: Playlist.

 

Christoph Luchs: Musik oder Podcast.

 

Julia Schnitzer: Musik.

 

Christoph Luchs: Lieblingssongs oder Playlist des Tages.

 

Julia Schnitzer: Lieblingssongs.

 

Christoph Luchs: Spotify oder Apple Music.

 

Julia Schnitzer: Spotify.

 

Christoph Luchs: Laut oder leise.

 

Julia Schnitzer: Laut.

 

Christoph Luchs: Ruhig oder lebendig.

 

Julia Schnitzer: Lebendig.

 

Christoph Luchs: Joggen oder Spaziergang.

 

Julia Schnitzer: Joggen.

 

Christoph Luchs: Am Fluss oder am Strand.

 

Julia Schnitzer: Am Strand.

 

Christoph Luchs: Am Strand oder durch die Wüste.

 

Julia Schnitzer: Durch die Wüste.

 

Christoph Luchs: Brot oder Brötchen.

 

Julia Schnitzer: Croissant.

 

Christoph Luchs: Süß oder herzhaft.

 

Julia Schnitzer: Herzhaft.

 

Christoph Luchs: Nutella oder Honig.

 

Julia Schnitzer: Keines.

 

Christoph Luchs: Ei oder kein Ei.

 

Julia Schnitzer: Ei.

 

Christoph Luchs: Weich oder hart.

 

Julia Schnitzer: Weich.

 

Christoph Luchs: Espresso oder Filterkaffee.

 

Julia Schnitzer: Espresso, um Gottes Willen!

 

Christoph Luchs: Latte Macchiato oder kleiner Brauner.

 

Julia Schnitzer: Kleiner Brauner, um Gottes Willen! [lacht]

 

Christoph Luchs: Wien oder Berlin.

 

Julia Schnitzer: Berlin.

 

Christoph Luchs: Berlin oder Amman.

 

Julia Schnitzer: Berlin.

 

Christoph Luchs: Berlin oder Brandenburg.

 

Julia Schnitzer: Berlin.

 

Christoph Luchs: Tee oder Kaffee?

 

Julia Schnitzer: Kaffee.

 

Christoph Luchs: Tee oder Wasser.

 

Julia Schnitzer: Tee.

 

Christoph Luchs: Still oder mit Kohlensäure.

 

Julia Schnitzer: Mit Kohlensäure.

 

Christoph Luchs: Medium oder laut.

 

Julia Schnitzer: Laut.

 

Christoph Luchs: Kopfhörer oder Boxen.

 

Julia Schnitzer: Kopfhörer.

 

Christoph Luchs: In-Ear oder On-Ear.

 

Julia Schnitzer: On-Ear.

 

Christoph Luchs: Pop oder Rock.

 

Julia Schnitzer: Rock.

 

Christoph Luchs: Rock oder Metal.

 

Julia Schnitzer: Metal.

 

Christoph Luchs: Rock oder Rap.

 

Julia Schnitzer: Rap.

 

Christoph Luchs: Rap oder Hip-Hop.

 

Julia Schnitzer: Rap.

 

Christoph Luchs: Techno oder Hip-Hop.

 

Julia Schnitzer: Techno.

 

Christoph Luchs: Old School oder New School.

 

Julia Schnitzer: Old School.

 

Christoph Luchs: Analog oder Digital.

 

Julia Schnitzer: Digital.

 

Christoph Luchs: Präsenz oder Online.

 

Julia Schnitzer: Präsenz.

 

Christoph Luchs: Zoom oder Teams.

 

Julia Schnitzer: Teams.

 

Christoph Luchs: Zoom oder Big Blue Button.

 

Julia Schnitzer: Big Blue Button.

 

Christoph Luchs: Breakout Rooms oder Break Together.

 

Julia Schnitzer: Ich weiß nicht.

 

Christoph Luchs: Bleistift oder Füller.

 

Julia Schnitzer: Bleistift.

 

Christoph Luchs: Lamy oder Geha.

 

Julia Schnitzer: No Name.

 

Christoph Luchs: Bleistift oder Apple Pen.

 

Julia Schnitzer: Bleistift.

 

Christoph Luchs: Skizze oder Gedanke.

 

Julia Schnitzer: Gedanke.

 

Christoph Luchs: Zeichnen oder radieren.

 

Julia Schnitzer: Zeichnen.

 

Christoph Luchs: Notizbuch oder Whiteboard.

 

Julia Schnitzer: Notizbuch.

 

Christoph Luchs: Papier oder Touchscreen.

 

Julia Schnitzer: Papier.

 

Christoph Luchs: Second Screen oder Second Life.

 

Julia Schnitzer: Second Screen.

 

Christoph Luchs: Augmented Reality oder Mixed Reality?

 

Julia Schnitzer: Mixed Reality.

 

Christoph Luchs: Mixed Reality oder Virtual Reality.

 

Julia Schnitzer: Mixed Reality.

 

Christoph Luchs: Mixed Reality oder Metaverse.

 

Julia Schnitzer: Mixed Reality. [lacht]

 

Christoph Luchs: Brille oder Kontaktlinsen.

 

Julia Schnitzer: Brille.

 

Christoph Luchs: Brille oder Sichtfeld.

 

Julia Schnitzer: Sichtfeld.

 

Christoph Luchs: HoloLens oder Oculus Rift.

 

Julia Schnitzer: HoloLens.

 

Christoph Luchs: Neuralink oder Retina Chip.

 

Julia Schnitzer: Retina Chip.

 

Christoph Luchs: Mensch-Maschine oder HMI.

 

Julia Schnitzer: Mensch-Maschine.

 

Christoph Luchs: Bedienoberfläche oder Interface.

 

Julia Schnitzer: Darüber streite ich immer mit meinem Kollegen. Interface.

 

Christoph Luchs: User Interface oder HMI.

 

Julia Schnitzer: User Interface.

 

Christoph Luchs: Flat Design oder Skeuomorphismus.

 

Julia Schnitzer: Das muss ich erst googeln.

 

Christoph Luchs: [lacht] Rund oder eckig.

 

Julia Schnitzer: Rund.

 

Christoph Luchs: Outline oder solid.

 

Julia Schnitzer: Solid.

 

Christoph Luchs: Grafical User Interface oder Vocal User Interface.

 

Julia Schnitzer: Grafical User Interface.

 

Christoph Luchs: Dialog oder Befehl.

 

Julia Schnitzer: Dialog.

 

Christoph Luchs: Sprachsteuerung oder Gestensteuerung.

 

Julia Schnitzer: Gestensteuerung.

 

Christoph Luchs: Siri oder Alexa.

 

Julia Schnitzer: Siri.

 

Christoph Luchs: Assistenz oder Autonomie.

 

Julia Schnitzer: Autonomie.

 

Christoph Luchs: Holodeck oder Hologramm.

 

Julia Schnitzer: Weiß nicht.

 

Christoph Luchs: Feedback oder Emotion?

 

Julia Schnitzer: Feedback.

 

Christoph Luchs: Emotion oder Belohnung.

 

Julia Schnitzer: Emotion.

 

Christoph Luchs: Serotonin oder Dopamin?

 

Julia Schnitzer: Schwierig. Serotonin.

 

Christoph Luchs: KI oder K.O.

 

Julia Schnitzer: [lacht] KI natürlich.

 

Christoph Luchs: Danke schön fürs Mitmachen.

 

Julia Schnitzer: Danke auch für die tolle Vorbereitung.

 

Christoph Luchs: Gerne. Wir müssen da noch mal einhaken. Das sind ja auch einige Begriffe, die hier einfach mal so in den Raum geschmissen werden und die vielleicht ein bisschen Erklärung brauchen. Was ist denn ein kleiner Brauner? Für alle die, die noch nicht in Österreich einen Kaffee genossen haben.

 

Julia Schnitzer: Das ist ein Espresso mit einem ganz kleinen Schluck Milch.

 

Christoph Luchs: Der Skeuomorphismus, wir sind schon bei einer anderen Folge zum Thema UX-Design drüber gestolpert, ist die Simulation von natürlichen Oberflächen in einer digitalen Umgebung, zum Beispiel der berühmte Wolkenmarmor. Beim ersten Webbrowser Mosaic zum Beispiel ist so ein typisches schönes Beispiel oder überhaupt das Dreidimensionale oder zumindest das simulierte Dreidimensionale. Spielt das bei euch eigentlich eine Rolle in der Gestaltung, wenn ihr Dinge in der Virtualität entwickelt oder auch gestaltet, dass ihr dann diese Dinge möglichst entfernt von der Umgebung gestaltet oder dass sie möglichst nah an das natürliche Empfinden herankommt.

 

Julia Schnitzer: Also die Studierenden sehnen sich vor allem nach der Simulation, nach dem möglichst nahen Herankommen an die Natur. Das ist, glaube ich, nach wie vor das große Thema, dass wir noch auf dem Weg sind, es wirklich natürlich bis übernatürlich aussehen zu lassen. Und ich glaube, erst wenn das bis zum Exzess zelebriert wurde oder selbstverständlich geworden ist, dann kommt erst der Bruch.

 

Christoph Luchs: Also wir müssen erst diesen hyperrealen Weg gehen, bis dann irgendwann sozusagen das Flat Design im VR-Einzug hält, ja?

 

Julia Schnitzer: Ja, wie auch in der Kunst. Zuerst war irgendwie das Nachstellen, dann der Naturalismus war erst mal das höchste Gut, dann haben einfach mehrere Künstler das wirklich bis zur Überperfektion betrieben. Und dann kam ja erst die Abstraktion.

 

Christoph Luchs: Hier tauchte auch ein Begriff Neuralink auf darin. Du gehst in deinem TED Konferenz Beitrag auch darauf ein. Was ist die Neuralink und was machen die? Und was hat das jetzt eigentlich für eine Bedeutung, auch in Bezug auf deine Arbeit?

 

Julia Schnitzer: Also Neuralink ist ein US-amerikanisches Unternehmen. Ich weiß gar nicht. Ich glaube, es gehört immer noch Elon Musk. Ich müsste es jetzt auch tatsächlich erstmal googeln, da ändert sich ja ständig auch so viel. Und sie beschäftigen sich damit, wie man zum Beispiel über implantative Chip Technik mit Gedanken digitale Oberflächen steuern kann.

Also nicht sozusagen: Ich krieg was eingetrichtert. Das ist immer das große Missverständnis der Leute, die denken: Ich kriege so einen Chip und dann kann ich eine Sprache über Nacht lernen, denn mir wird einfach dann die entsprechende Software auf den Chip geladen und ich kann dann plötzlich am nächsten Morgen fließend Chinesisch sprechen.

Darum geht es nicht. Vor allem beschäftigen sie sich mit Krankheitsbildern, soweit ich weiß, mit Epilepsie, aber auch mit Locked-in-Syndrom oder mit Querschnittslähmung. Die sind da tätig, da kommt auch immer ständig was dazu. Das heißt, ich muss mich auch immer erst mal wieder einlesen, wie gerade Status Quo ist. Das heißt aber, ich muss nicht meine Extremitäten betätigen. Ich muss auch nicht meine Stimme anstrengen, kann einfach nur denken „Grün“ und der Bildschirm wird grün. Also als ganz einfaches Beispiel, dann denke ich „Rot“ und der Bildschirm wird rot.

Womit ich mich mit meinen Studierenden beschäftige. ist inwiefern ist das schon möglich? Wir pflanzen uns dazu keinen Chip ein, sondern wir setzen uns ein Headset mit Sensoren auf und damit geht das aber schon. Also wir schaffen es in unserem Seminar bereits nur über Gedanken etwas auf dem Bildschirm zu bewegen. Und wir haben jetzt auch die Idee, oder ein Student hatte jetzt auch schon in Zusammenhang mit dem Arduino Board es geschafft, also zum Beispiel mit Gedanken Autos zu fernsteuern. Der spielt mit Gedanken Bassgitarre. Klingt scheußlich, aber es funktioniert.

 

Christoph Luchs: Wow! Ja, wäre interessant, wie das dann aussieht. Das erste Experiment ist ja meistens immer schrecklich, aber der Weg ist schon mal gelegt.

 

Julia Schnitzer: Genau. Ja.

 

[Musik]

 

Christoph Luchs: Ja, es ist interessant, was da für Entwicklungen auf uns zukommen. Man sagt ja auch, dass Apple durchaus an so einem Interface arbeitet oder Google. Also alle großen Anbieter.

 

Julia Schnitzer: Facebook? Ja, alle. Viele.

 

Christoph Luchs: Die dort also eine direkte Schnittstelle möglichst suchen, um die Benutzung noch enger in die Software quasi hineinziehen. Also gar nicht den Benutzer eigentlich immersiv einbinden, sondern eigentlich die Software noch mehr an unserer Hardware heranführen. Ist das nicht eigentlich ein bisschen erschreckend oder ist das eigentlich der ganz normale logische nächste Schritt, weil wir uns einfach im 21. Jahrhundert bewegen und weil wir mit der Hardware nun mittlerweile alles abgedeckt haben und der nächste Schritt einfach logischerweise ein Neuro-Chip ist oder ein Retina-Chip, also eine Kontaktlinse, die man digital aufs Auge aufsetzt oder andere Möglichkeiten der Ergänzung oder Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten.

 

Julia Schnitzer: Es ist logisch, es wird normal sein und es ist erschreckend. Es ist halt alles in einem. Jede technische Neuerung birgt Chancen und Risiken und das ist ganz, ganz wichtig, dass wir hier in den, ich sage jetzt auch mal bewusst, demokratischen Ländern, die, wo es möglich ist, frei zu forschen. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in Deutschland ein großes Privileg haben, wirklich unabhängige Forschung betreiben zu dürfen.

Das ist in fast allen weiteren Ländern so nicht selbstverständlich. Und dass uns deshalb auch ganz stark uns die Rolle zukommt, zu überlegen, was macht das mit einer Gesellschaft?

Ja, und eben die Risiken auch zu diskutieren und wenn immer alle sagen: „Ja, ihr Deutschen, ihr habt es echt so mit eurer Privatsphäre usw.“, dann sage ich auch mal: „Ja, mich nervt das auch, ich hätte auch gerne einen automatischen Cookie-Responder oder so ist es nicht.“

Aber nichtsdestotrotz schieben wir notwendige, dringend notwendige Gedankengänge an, die uns auch in Zukunft ermöglichen, frei und gleichwertig existieren zu dürfen. Und das ist ein großes Risiko. So eine Technologie, mit der man sich nicht gut auskennt. Schön, dass Deutschland im Moment eben so eine freie Gesellschaft hat. Aber wir haben auch in den letzten Jahrzehnten gelernt, wie empfindlich staatliche Konstrukte sind, wie schnell so eine Regierung wechseln kann.

Und selbst wenn meine Daten noch heute auf so einem Server sicher sind, ist es denn garantiert, dass das in zehn Jahren noch so ist? Und was tu ich, wenn eine Gesellschaft plötzlich entscheidet, dass die Daten, die ich da auf dem Server liegen habe, mich als plötzlich wertlosen Menschen kategorisieren? Denn die Werte ändern sich, nicht meine nicht meine Gehirnströme.

Ja, und meine Gehirnströme liegen nun mal auf einem US-amerikanischen Server. Das weiß ich. Die können darüber natürlich auch Irregularien messen. Und wenn dann rauskommt, vielleicht weiß ich gar nicht, dass ich eine Veranlagung zur Epilepsie habe. Und die kommen jetzt drauf, dass sie alle potenziellen Epileptiker jetzt heute mal aussortieren wollen, dann kann es mich plötzlich treffen, ohne dass ich es davor wusste.

Ich glaube, das ist ein ganz gutes Beispiel. Im Moment wird nichts passieren.

Ganz viele verwenden so Smart Ringe. Meine Daten landen im Moment in Finnland. Ich hoffe doch, wissen tue ich es ja gar nicht. Ich kann ja nicht hinreisen und nachgucken. Ich kann nur vertrauen. Und das ist so eine Sache, da müssen wir drüber diskutieren.

 

Christoph Luchs: Thomas Ramge ist ein Autor, der zum Thema Wirtschaft, aber auch Technologie schreibt und in seinem Buch „Mensch und Maschine“, bei Reclam erschienen, sagt er: „In einer Welt mit vielen Assistenten werden wir aber schnell den Überblick verlieren, wer uns übervorteilen könnte. Denn wir werden gar nicht so genau wissen, wer uns eigentlich berät. Es wird uns oft genug egal sein, weil es so bequem ist. Und wir werden für Nanny-Tech, Kindermädchen-Technologie, die uns bevormundet, bisweilen sogar extra freiwillig bezahlen.“ Das sagt er hier. Sprecht ihr in der Universität, sprichst du mit Kolleginnen und Kollegen über solche Themen? Diskutiert ihr da auch mal über die Technik hinweg, weil es ja dann doch schnell den Blick auf die Technik auch verdeckt, was die Technik für eine Verantwortung hat, besonders in einer hochtechnologisierten Zukunft?

 

Julia Schnitzer: Wir sprechen viel darüber. Es ist ganz schön schwierig, mit den Studierenden darüber zu sprechen. Was ich zunehmend feststelle, ist, dass Ethik Seminare oder Studium Generale, Medienethik, Medien-Psychologie, Zukunfts- und Trend -Forschung, Fächer werden, die in Informatikstudiengänge und auch Wirtschaftsinformatik, technischen Studiengängen, gang und gäbe werden. Es gehört inzwischen zur Grundausbildung der Universitäten dazu.

Ich selbst bin über ein anderes DAAD-Projekt damit beschäftigt, das heißt Itroducing Data Literacy in Jordanien.

Wir beantragen gerade dasselbe Projekt für den Libanon. Wie ich schon meinte, außerhalb unserer Bubble, unserer Glasglocke, ist es sehr häufig nicht selbstverständlich. Das heißt auch, dass ich feststelle, dass an Partner Hochschulen die Data Literacy meiner Studierenden sehr viel weniger gegeben ist. Ich merke das bei uns in der Schule. Meine Tochter, die wird jetzt 14, sie ist in der achten Klasse. Die kriegen schon sehr medienkritisches Denken schon in der Schule mitgegeben. Auch mein Sohn wird schon daran herangeführt. Wir führen unsere Kinder heran. In anderen Ländern ist das nicht selbstverständlich. Die konsumieren Mediendaten, ohne sie zu reflektieren. Das führt dazu, dass gerade im Nahen Osten wir es mit extrem vielen Fake-Mitteilungen zu tun haben. Vor einigen Monaten gab es einen bewaffneten Konflikt zwischen dem Islamischen Djihad im Gazastreifen und Israel. Und ich habe einfach festgestellt, ich hätte eine Analyse schreiben können darüber, wie viele Fake Mitteilungen zu diesem Thema, obwohl es auch offizielles Bildmaterial dazu gab, wie viele Fake Mitteilungen um die Welt gegangen sind. Und teilweise sind sogar Regierungen drauf reingefallen auf diese Fake Videos, die einfach zeigen: Bomben sind da und da runtergegangen, dabei war es gar nicht so und Bomben haben die und die geschossen.

Dabei war das gar nicht so! Man braucht erst mal ein unglaublich spezifisches Wissen, um das überhaupt bewerten und beurteilen zu können.

Das heißt, Data Literacy wird mit als eine der Kernkompetenzen der Zukunft klassifiziert oder bewertet. Das heißt, Data Literacy wird das sein, was auch KI uns in Zukunft nicht abnehmen können wird, nämlich das Einschätzen von Informationen in einem relevanten gesellschaftlichen Kontext.

Also das Beurteilen einfach zu sagen: „Ja, was ist das jetzt? Stimmt das oder stimmt das nicht?“ Das wird nicht so einfach sein. Und auch in einer Welt der Fake Mitteilungen, ich sage nur Corona Fakes. Ukraine-Russland-Krieg. Ich kriege auf Facebook viele Posts, wo ich mir denke: „Wenn das mal nicht grad wieder so ein bezahlter Meinungsmacher ist.“ Und bin überrascht, wie wenig dagegen getan wird.

Was mich immer so erschreckt ist, dass ich es erkenne, weil ich einfach täglich damit zu tun habe. Aber ich frage mich, wie geht es den ganzen anderen Menschen? Und das macht mir Sorge.

Also schön und gut, dass ich in so einem Projekt beteiligt bin, aber es bräuchte viel mehr solche Aufklärungen. Die größte Gefahr in den Kriegen ist meiner Meinung nach die Desinformation unter anderem über digitale Medien, Fake News etc.

 

Christoph Luchs: Ja, das ist tatsächlich erschreckend. Auch was Deep Fake angeht, was ja nicht nur zum Spaß eingesetzt wird, sondern tatsächlich auch als Propagandainstrument. Und Propaganda ist eine Kriegswaffe, das wissen wir alle und das ist allerdings nicht unbedingt jedem gegeben, das zu erlernen, denn es braucht ja auch einfach ein bisschen Lebenserfahrung und nicht nur Schulbildung um zu erkennen: „Ist das wahr oder falsch?“

Und selbst als Erwachsener fragt man sich jeden Tag: Ist es wahr oder falsch, was ich jetzt gerade hier bekomme? Oder ist das meine persönliche Wahrnehmung? Oder leide ich zum Beispiel an einer Krankheit, die mir dann suggeriert, dass etwas wahr oder falsch ist? Und für mich ist es sehr wohl wahr, aber nicht unbedingt für meine Umgebung. Und das sind ja auch durchaus noch ganz andere Dimensionen, die auch mit der Hirnforschung, mit der Neurowissenschaft, hoffentlich erkennbar gemacht werden.

Da ist zumindest eine ganz große Aufgabe dahinter, denke ich. Und das wird sicherlich uns auch noch mal einige Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte, beschäftigen, diese Fragen, aber auch philosophischen Fragen dahinter. Wer ist mit unseren Daten unterwegs, wenn wir eine z.B. HoloLens aufsetzen oder demnächst irgendein anderes Gadget Device nutzen? Welche Daten geben wir eigentlich dem Hersteller? Das ist etwas, was sich viele nicht unbedingt fragen, was, glaube ich, tatsächlich eher als europäische Diskussion abgewertet wird? So nach dem Motto: Ihr da in Europa, ihr habt ja die freie Bubble, ihr könnt euch ja solche Gedanken machen, aber wir müssen einfach nehmen, was kommt, was uns die Hersteller quasi gottgegeben vom Himmel fallen lassen. Und das sind ja Dinge, die tatsächlich relevant sind. Und ich glaube, da müssen wir auch noch einige Jahrzehnte weiter diskutieren. Da sind wir, glaube ich, gerade erst am Anfang dieser ganzen Diskussion angelangt.

 

Julia Schnitzer: Das sehe ich genauso. Und es gibt ja diesen Begriff des postfaktischen Zeitalters. Ich finde es ja schön, dass wir gerade diskutieren über das, was wir wissen und was wir nicht wissen, was ja auch das Fundament einer aufgeklärten Gesellschaft darstellt. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es viele Gesellschaften gibt, wo das Wissen oder Nichtwissen gar nicht die gesellschaftliche Wertigkeit hat, sondern vor allem, dass ich glaube. Und das ist ja schön und gut, wenn es das gibt.

Aber auf der anderen Seite, wenn dann in unserer Gesellschaft plötzlich die Leute wieder Sätze beginnen mit: „Ich glaube“, oder „Ich denke“ oder „Ich weiß“, und damit dann auch eine Rechtfertigung sehen. Also das macht mir eher Sorge. Die Verweigerung Fakten als solche anzuerkennen, die Wissenschaft an sich in Frage zu stellen, das ist das, was auch eine tatsächliche Gefahr darstellt für die Demokratie.

 

Christoph Luchs: Kommen wir zu einem etwas anderen Thema: Im Abspiel tauchte das Wort Metaverse auf und das ist heute in aller Munde. Jeder hat es schon mal eventuell gehört. Es gibt Fernsehwerbung, es wird dafür geworben, dass uns das Metaverse verändern wird. Die Firma Meta steckt natürlich dahinter, ehemals Facebook, und will natürlich damit den Weg ebnen, der Bereitschaft, der Akzeptanz, dass man das einfach hinnimmt, dass da etwas auf uns zukommt.

Jetzt sind viele Hersteller wie Nike oder BMW oder andere große Markenhersteller, die sind schon alle dabei, ihr eigenes Metaverse zu produzieren, zu gestalten. Und wenn man dann mal Einblick gewinnen kann in solche beeindruckenden Präsentationen, dann sieht man unglaublich bunte Fantasiewelten, in denen irgendwelche Fische im Himmel schweben und dazu auch noch irgendwo an der Ecke ein BMW-Auto rumsteht. Also so Welten, die könnte sich James Cameron ausgedacht haben.

Ist das tatsächlich das, worauf es hinausläuft? Sind es wirklich diese bunten Cyberspace-Welten? Vielleicht auch Cyberpunk, wenn man mal so ein bisschen abseits guckt? Sind das wirklich diese Welten, die auf uns zukommen im Metaverse? Oder ist das nicht eigentlich etwas ganz Irdisches? Soll uns das jetzt erst mal einfach nur anlocken, damit wir dann alle fasziniert draufgucken?

Und hinterher steht dann doch einfach nur ein Auto rum und wir gucken uns das halt in VR an, wie das halt so funktioniert und setzen uns mal rein und gucken uns um, wie das heute normalerweise in Simulations-Zentren der Automobilhersteller läuft. Ist das etwas, wo du auch dorthin deutest, wo du sagst, so etwas kommt tatsächlich auf uns zu, dass wir in solchen Welten leben, weil letztendlich auch das Thema Aufmerksamkeit und die Aufenthaltsdauer in diesen Welten ein enorm wichtiges Potenzial zum Geldverdienen ist.

 

Julia Schnitzer: Gute Frage. Weißt du noch, wie scheußlich die ersten Webseiten aussahen?

 

Christoph Luchs: Ja, [lacht] meine eigene sah grässlich aus, aus heutiger Sicht, furchtbar!

 

Julia Schnitzer. Wir dürfen nicht vergessen, ist echt ein Rantasten. Wir werden in zehn Jahren sagen: „Bah, sah das scheußlich aus!“ Irgendwelche Typen haben sich halt ausgedacht, wie wir das haben wollen. Ich würde mal so sagen, in dem Moment, wo es eine breite gesellschaftliche Akzeptanz erfährt, wird sich die Visualität zum Normalen, zum Funktionalen und deshalb auch zum Nüchternen ändern.

Das wird sich anpassen. Das ist jetzt, glaube ich, tatsächlich erst mal so ein großes Ausprobieren. Und ganz häufig, wenn etwas Neues ist, es vor allem erst mal der Kult um die eigenen Tools.

Also auch Adobe Photoshop. Ich erinnere mich noch, Adobe Photoshop haben am Anfang auch mit so ultraretuschierten Bildern geworben, wo es uns ganz schlecht geworden ist. Und irgendwann war das selbstverständlich. Also das ist immer so, die Perversion der eigenen Möglichkeiten ist der erste Schritt und ich glaube, da müssen wir halt durch. Das heißt, nein, es wird, und das ist nicht das, was uns zukünftig erwartet.

Ich denke mir dann immer so: Alle schimpfen gerade auf das, was gerade Metaverse bietet und ich selbst dachte auch so: Wow, die versprechen ja gerade richtig viel.

Aber was im Endeffekt gerade sichtbar ist, haut mich jetzt nicht vom Stuhl. Aber die Idee an sich ist interessant und ich denke mir dann immer so: Ja, wenn es nicht Facebook macht oder irgendwer im Silicon Valley, wer denn dann? Ich würde mich ja freuen, wenn in Deutschland mal so eine bahnbrechende Entwicklung stattfinden würde.

Stattdessen sitzen wir hier und schimpfen auf Silicon Valley, dass die schon wieder nur irgendeinen hässlichen Mist produzieren. Und dann denke ich mir: Ja, dann mach es doch erst mal besser. Dann machen wir es doch erst mal besser. Das heißt, von unserer Warte aus können wir immer gut lästern. Auf der anderen Seite haben wir da inzwischen den Anschluss auch einfach verloren.

Und dann? Man muss das ganze Frustgerede erst mal zur Seite schieben und es sich dann angucken als das, was es ist. Und das ist vor allem eine riesengroße Chance. Ich weiß nicht, ob es Facebook sein wird, die sich da durchsetzen werden. Oder Metaverse, ich weiß nicht, ob die sich durchsetzen werden. Sie wollen es auf jeden Fall und sie haben viel Geld in der Hand.

Aber man darf nicht vergessen, dass Google auch mächtig ist und Apple. Aber im Moment machen die digitalen Meilensteine die großen amerikanischen Giganten und sie werden es auch weiterhin machen, weil den Vorsprung holt man so schnell nicht auf.

 

Christoph Luchs:

Ich habe einige Sachen gesehen von deutschen Kreativen, die auch in diesem Metaverse-Bereich gearbeitet haben, was eben nicht hieß, das Metaverse von Facebook anzapfen, sondern quasi ihr eigenes Metaverse browserbasiert aufziehen, sodass man quasi sich in Echtzeit im Browser bewegt, quasi wie im Online-Spiel eigentlich. Und das kann man natürlich rein zweidimensional machen. Und der nächste Schritt ist natürlich die dreidimensionale Darstellung mit Datenbrille.

Und dann geht es halt irgendwann weiter. Das heißt, man wird eigentlich stückweise hineingezogen. Und das, denke ich, sicherlich auch mit den Stufen der Kommerzialisierung. Tatsächlich ist Geld eine ganz entscheidende Rolle, weil so ein Metaverse, also das, was ich da zum Beispiel mal gesehen habe, als Beispiel von Nike oder BMW, das waren halt unglaublich aufwendig 3D gerenderte, simulierte, programmierte Welten, die durchaus mit einem Hollywood Film und deren Computer Retuschen und Animationen mithalten können.

Allerdings war da überhaupt nichts Interaktives, also außer, dass man da sich durch die Welt bewegen konnte und gestaunt hat, was einem da so um die Ohren fliegt und mit welchen Wesen man dort sozusagen interagieren kann, ist eigentlich wenig Interaktion passiert, muss ich sagen. Es war viel Show und wenig Interaktion und das macht es ja eigentlich erst aus, weil ich glaube, die Interaktion, wie etwas tauschen, miteinander kommunizieren oder Dinge in Bewegung setzen, Prozesse anstoßen, steuern, kontrollieren, das sind ja alles Handlungen in der realen Welt.

Die müssten doch eigentlich in so einem Metaverse auch umgesetzt werden und die müssten dann auch eigentlich genauso funktionieren. Oder gibt es darüber noch hinaus mehr?

 

Julia Schnitzer: Und das ist ganz gut beobachtet und richtig beobachtet. Ich denke auch, im Moment ist es für die Unternehmen vor allem Prestige, dieses Dabeisein. Und dann wird viel Geld in die Hand genommen. Das können sich die auch leisten, die Marken, erstmal ein Prestigeobjekt in die Welt zu setzen. Aber richtig ausgefuchst wird es in dem Moment, wo halt Interaktivität dazukommt, wird es technisch komplex. Dann ist es halt nicht nur der geile 3D Artist, der da was macht, sondern dann braucht man halt auch noch zusätzliche Skills.

Das geht alles inzwischen technisch, aber dann müssen schon mehrere sehr kompetente Menschen zusammenarbeiten in einem Team. Apple macht das in Teilen.

Ich würde mal eher so sagen: Wir sind auch im Zeitalter des Fernsehens. Wir haben auch mit den Fernsehern als erstes mit Mattscheibe begonnen und inzwischen sind wir beim Touchscreen angekommen. Also auch da geben wir der Sache mehr Zeit, Geduld und erst mal die ersten Schritte machen die, die Geld haben und es sich leisten können.

Und dann wird irgendwann günstiger. Ich denke aber, dass der Weg, eben individuell das eigene Metaverse zu erschaffen, der Weg ist, der wirkliche Pioniergeist an den Tag legen wird, und interessant wird, denn wir dürfen nicht vergessen, es setzen sich immer zwei Dinge durch. Das einmal ist OpenSource, also dass einfach HTML und die ganze Web-Welt und die App-Welt, das sind alles OpenSource Tools.

Wir kennen kein Copyright in der Web-Programmierung, wir kopieren und pasten und machen und jeder ist total stolz darauf, sein Script auf GitHub bereitzustellen und zu sagen: „Guckt mal Welt, ich habe das tollste Script und ich bin der Beste!“ Wenn es möglichst viele Leute downloaden und auch verwenden, heißt es letztendlich, wenn es mehrere 1000 Leute geklaut haben, dann ist man gut.

 

Christoph Luchs: Ich habe mal gehört, in China ist das durchaus ein erstrebenswertes Ziel, dass man etwas tut, was von vielen anderen kopiert wird, sodass man dann hinterher als Schöpfer gilt, aber eben nicht als Urheber im Sinne des eigentlichen Schutzes des Rechtes.

 

Julia Schnitzer: So auch die Frage: Wer kommt schneller ans Ziel und wer findet auf die Weise schneller Lösungen, bringt uns aber auf ein ganz anderes Gebiet. Also auf der einen Seite denke ich, dass dieses Open Source sich entwickeln wird, also dieses eigenes Metaverse zu machen und irgendwann wird es ein Open Source Metaverse geben, wo jeder beitragen kann, zum Beispiel. Google macht das in Teilen. Ich kann wirklich bei Google selber meine Bilder hochladen und selber quasi zu diesem Feed beitragen, zu diesem Informations-Pool.

Auf der anderen Seite ist es aber auch nicht grundsätzlich so, dass Open Source den Weg bereitet, weil Apple ist ja nicht Open Source, also es ist eine der abgekapseltesten Welten, die es überhaupt und es setzt sich trotzdem durch. Also es gilt abzuwarten.

Vielleicht gibt es auch zwei größere oder auch da wieder drei größere Giganten, die dann erst mal Lösungen bringen. Und es wird vielleicht gar nicht zu dem einen Ding kommen.

 

[Musik]

 

Christoph Luchs: Einen Wettbewerb der Plattformen wird es sicherlich geben. Und auch das Thema Open Source ist da nicht ganz von der Hand zu weisen, weil ja auch viele Dinge, wie zum Beispiel Webseiten, irgendwo selber gehostet sind. Und natürlich bezahlt man dafür Geld. Aber das ist alles für jeden erreichbar, zumindest in einer Demokratie und offenen Gesellschaft. Dort kann ich also meine Informationen selbst hosten und verteilen oder einen Platz schaffen.

Und dieser Webspace, wenn man jetzt Webseiten ganz klassisch nimmt, ist auch nichts anderes als ein Platz,den man auch in einem Metaverse oder in einem der vielen, die es dann vielleicht geben wird, einfach einnimmt. Wo man sagt: „Da ist mein Plätzchen, dort kannst du dich in meiner Business Lounge niederlassen. Lieber Kunde, hier wirst du bedient, hier kommt die KI.

Quatscht mit dir schon mal die wichtigsten Informationen ab und dann kommen wir zu Vertragsverhandlungen.“ Zum Beispiel. Also solche Themen sind denkbar und machbar im geschäftlichen Umfeld, aber durchaus auch in der Kommunikation zwischen Staat und Bürger, obwohl wir da ja mit der Digitalisierung noch bei ganz anderen Themen arbeiten. Also wir versuchen erst mal, das Faxgerät loszuwerden, also bis wir dann irgendwann mal in die Richtung kommen, dass wir uns bei Metaverse beschäftigen.

Aber da sind ja durchaus Behörden auch offen. Aber ich glaube, der Weg ist noch besonders lang. Aber vielleicht durchaus auch spannend, dass ich als Bürger wirklich einfach virtuell in meine Bürger Zentrale gehen kann. Und ich muss eben keine Nummer ziehen, weil ich nicht warten muss. Und ich werde umfassend bedient, weil die häufigsten Fragen in der KI bereits hinterlegt sind und damit auch die Antworten, und zwar in allen Sprachen, weil auch das dann keine Barriere mehr ist.

Ist Barrierefreiheit auch ein Thema, was dich beschäftigt oder was dich umtreibt?

 

Julia Schnitzer: Das ist nach wie vor ein sehr beliebtes Abschlussarbeitsthema. Barrierefreiheit bedeutet ja der barrierefreie Zugang zu Inhalten im Netz oder auf Apps. Ich bin halt der Meinung, dass es dazu schon sehr viel gibt. Ich sage dann eigentlich immer meinen Studierenden: „Meinst du, da kannst du jetzt noch etwas Neuland betreten oder ist das schon völlig abgegrast?“

Auch die Gestaltungsregeln, es gibt da eigentlich schon gute Guidelines, auch Themes und Templates, die man downloaden kann, die man als Webdesigner dann verwenden kann, die dann wirklich die notwendigen Skripte haben, um es zu vergrößern, um es zu verkleinern, um Bilder auszublenden, ums vorzulesen. Also da gibt es so viel gar nicht mehr zu holen, also zu erforschen, könnte man sagen, auf dem Gebiet.

Aber natürlich hat es nach wie vor Relevanz.

 

Christoph Luchs: Gibt es aus deiner Sicht, wenn sich jetzt junge Menschen mit deiner oder mit ähnlichen Hochschulen beschäftigen oder mit Studiengängen, die auch diesen, nennen wir es mal, Crossover Ansatz haben, dass Informatik und Gestaltung zusammengeführt wird? Da gibt es ja extrem unterschiedliche neue Studiengänge, aber auch etwas ältere Bachelor und Master, die an verschiedenen Universitäten und Hochschulen, Fachhochschulen angeboten werden. Wenn sich jetzt junge Menschen damit beschäftigen, wo sollten die deiner Meinung nach anfangen zu suchen oder sich mit Themen zu beschäftigen, bevor sie vielleicht zum Studium greifen oder sich bei euch oder bei ähnlichen Einrichtungen bewerben?

 

Julia Schnitzer: Ja, gute Frage. Ich denke, sie sollten einfach neugierig sein, was die Medien oder die digitalen Medien in Zukunft bringen, also neugierig und gleichzeitig skeptisch. Also sie sollten begeisterungsfähig sein und gleichzeitig stutzig sein und innehalten, sagen: „Was ist das denn? Was will das denn jetzt von mir? Was ist denn das für ein Scheiß?“ Also gleichzeitig die Kritikfähigkeit mit dem Abenteurertum, also diese Eigenschaften mitbringen und sich einfach dafür begeistern. Sei es für den Bereich virtuelle Welten, man muss keine VR-Brille zu Hause haben, man kann sich dafür begeistern, auch für Gaming. Alles, was immer noch Oberflächen-Design ist, ob dreidimensional oder zweidimensional. Wenn man sich dafür begeistern kann. Und ja, Literatur ist so eine Sache. Es gibt einmal den Moment, dass man sagt: Ja, man kann das Ganze geistig durchdringen, aber man kann sich der Sache auch sehr gut im Hausfrauen- oder im Hausmänner-Verstand nähern und einfach Learning by Doing.

 

Christoph Luchs: Der schöne österreichische Begriff des Hausverstandes. [lacht]

 

Julia Schnitzer: [lacht] Mit dem kann man sich auch ganz gut nähern. Es einfach erst mal ausprobieren und dann selbstkritische Fragen ableiten und einfach zu sagen: „Wie kann ich denen denn auf den Grund gehen?“ Wenn einen das Thema interessiert, dann kann man dann natürlich das mal googeln und wird mehrere Bachelor- wie Masterstudiengänge in Deutschland finden.

Ich würde mal sagen, die sind überschaubar in der Zahl und sie heißen auch nicht alle digitale Medien, sondern es gibt Expanded Realities und Interactive Environments, also so heißen die Studiengänge.

Wir versuchen dann auch immer nicht gleich, wenn einer einen tollen Namen hat, dass denn alle adaptieren, weil wir auch wissen: Es macht keinen Sinn, wenn jetzt zehn Hochschulen denselben Studiengang mit demselben Titel haben. Das heißt, ich rate immer auch allen, wenn sie den Titel gehört haben und der sie begeistert, trotzdem nach ähnlichen Begriffen zu gucken und dann wirklich aber in den Stundenplan reinzugucken, welche Fächer kommen dran? Und dann wirklich zu gucken: Ist das, was ich erwarte, auch da wirklich drin? Spiegelt sich das wider im Modul-Handbuch, weil da die klassischen Missverständnisse herrühren.

Die die Leute kommen zu uns und sagen: „Oh, digitale Medien klingt toll!“ und sind total enttäuscht, dass sie keine Spielfilme fürs Kino drehen. Und dann sage ich: „Aber Sie haben sich doch sicherlich mal die Beschreibung des Studiengangs auf der Webseite angeguckt.“ Und dann so: „Äh …“, und denke ich mir so: „Tut es!“ Also einfach mal reingucken, was da alles genannt wird, und dann gibt es viele Missverständnisse weniger. Sonst muss man nämlich auf die Filmhochschule.

 

Christoph Luchs: Richtig, die ist ja euch in Potsdam um die Ecke, da hat man sich dann vielleicht in der Stadt vertan.

Sehr schön! Prima! Liebe Julia, vielen herzlichen Dank, dass du bei uns warst.

Ich wünsche dir viel Erfolg bei deinen Stipendien, die du beantragt oder auch den Programmen und Projekten sowohl in Brandenburg als auch in Jordanien, in Amman, und anderen Regionen. Da werden wir sicherlich noch viel von dir hören und sehen, auch von deinen Studierenden, die dann Bachelorabsolventen werden oder ihre Masterarbeit machen bei dir in verschiedenen Studiengängen. Und die Links zu deinen Präsenzen sind natürlich hier in den Shownotes auch dokumentiert und die haben wir auch hier auf unserer Website Designerklärer.de noch mal ausgeführt.

 

Julia Schnitzer: Vielen herzlichen Dank für die Einladung und es hat mir großen Spaß gemacht.

 

Christoph Luchs: Gerne.

 

[Musik]

 

https://www.th-brandenburg.de/hochschule/aktuelles/presseinformationen/presseinformationen-details/news/3200-prof-julia-schnitzer-die-kraft-der-positiven-gedanken/

https://neuralink.com/

Botenstoffe im Gehirn – Was macht uns glücklich und was krank?

Musik: Epidemicsound.com
„1 of a Kind“ – Yomoti
„99 Days“ – White Drift
„Ain’t No Science“ – White Drift
„Overworked“ – White Drift
„Still Can’t Sleep“ – Another Notion

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